{"id":1267,"date":"2014-06-02T09:22:25","date_gmt":"2014-06-02T08:22:25","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=1267"},"modified":"2015-01-08T17:31:09","modified_gmt":"2015-01-08T15:31:09","slug":"tag-113-117-nie-den-tag-vor-dem-abend-loben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=1267","title":{"rendered":"Tag 113 &#8211; 117: Nie den Tag vor dem Abend loben!"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 113 &#8211; 24.Mai<\/h2>\n<p>Ruzvai &#8211; Shodak: 67km; 4:31h im Sattel; 23 &#8211; 29 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>&#8230;man wei\u00df ja nie&#8230; Der heutige Tag sollte eine gewaltige Wendung f\u00fcr die ganze Reise darstellen. Vieles, worauf ich mich die letzten Wochen gefreut \/ vorbereitet hatte muss jetzt neu \u00fcberdacht werden. Aber erst mal der Reihe nach:<br \/>\nNach einem ausgedehnten Fr\u00fchst\u00fcck am Sandstrand mit Blick auf Afghanistan starten wir gem\u00fctlich die neue Tagesetappe. Nach gut 5km gabs f\u00fcr mich mal wieder eine Zwangspause. Die Montageschraube des hinteren Gep\u00e4cktr\u00e4gers war abgerissen. Kann sein, dass die doch erhebliche Zuladung wegen der schlechten Lebensmittelversorgung ein wenig zu viel f\u00fcr den Gep\u00e4cktr\u00e4ger war. Die schlechten Stra\u00dfenverh\u00e4ltnisse tragen sicherlich auch dazu bei, dass das Material irgendwann aufgibt. Zum Gl\u00fcck verf\u00fcgt das Rad \u00fcber zwei Befestigungsl\u00f6cher, sodass der Gep\u00e4cktr\u00e4ger ummontiert werden konnte.<br \/>\nDie Stra\u00dfe war heute in erstaunlich gutem Zustand. Wir fuhren immer wieder auf l\u00e4ngeren St\u00fccken Asphalt, aber die Freude dar\u00fcber w\u00e4hrte nie lange. Glatte Asphaltabschnitte enden oft abrupt in einer schwer zu befahrenden Schotterpiste. Sonderlich flott kam man daher nicht voran. Aber das beunruhigte auch keinen von uns. Bis Khorug hatten wir noch drei Tage eingeplant, dazu sind t\u00e4glich nur 80km n\u00f6tig.<br \/>\nDer PKW-Verkehr war heute erstaunlich stark. Aus Richtung Khorug kamen uns st\u00e4ndig vollbeladene Jeeps mit Diplomaten- \/ Regierungskennzeichen entgegen. W\u00e4hrend unserer Mittagspause erfuhren wir dann von einem Amerikaner, der kurz anhielt, dass s\u00e4mtliche NGOs ihre Mitarbeiter aus Khorug abziehen. Es ist offenbar zu gr\u00f6beren Unruhen gekommen. So ganz genau wussten wir aber auch nicht was los war. Wir machten uns nicht weiter Sorgen, nachdem uns die entgegenkommenden Autos stets freundlich gr\u00fc\u00dften schien es kein gr\u00f6beres Problem zu geben.<br \/>\nAuf der gegen\u00fcberliegenden Seite sieht man immer wieder gr\u00f6\u00dfere Gruppen von Afghanen zu Fu\u00df von einem Dorf zum n\u00e4chsten zu gehen. Ein eigenartiges Gef\u00fchl, derart nahe an einem Land zu sein, von dem man nicht wirklich viel wei\u00df. Mit Afghanistan verbinde ich bis heute prim\u00e4r Krieg und Drogengesch\u00e4fte. Aber in Wirklichkeit sind die Leute am anderen Ufer wohl genauso nett, wie auf der hiesigen Seite. Ein merklicher Unterschied besteht in der Architektur. W\u00e4hrend wir auf der tajikischen Seite durch D\u00f6rfer radeln, die prim\u00e4r aus Steinh\u00e4usern bestehen, bestehen die D\u00f6rfer auf der afghanischen Seite gr\u00f6\u00dftenteils aus Lehmh\u00e4usern mit Flachd\u00e4chern. Nachdem der Fluss offenbar stark anschwellen kann, sind die D\u00f6rfer auf beiden Seiten weit \u00fcber dem Flussbett situiert. Die Bergh\u00e4nge steigen steil an, aber trotzdem sieht man in gro\u00dfer H\u00f6he noch Anzeichen von Feldern. Die lauten Rufe von Eseln sind von beiden Seiten zu vernehmen. Ein Leben auf zwei Flussseiten, das vermutlich auf jeder Seite sehr \u00e4hnlich aussieht, trotzdem werden die beiden Seiten wohl auch noch l\u00e4nger isoliert f\u00fcr sich weiterexistieren.\u00e4<br \/>\nNach der Mittagspause am Fluss fuhren wir gem\u00fctlich weiter. Nach gut 10km war dann aber Schluss. Ein vor kurzem aufgestellter Kontrollposten verweigerte uns die Weiterfahrt. Khorug ist offenbar abgeriegelt und die Stra\u00dfe dorthin ist f\u00fcr Ausl\u00e4nder gesperrt. Anfangs wussten wir nicht so recht, wie uns geschieht. Der Polizeibeamte l\u00fcmmelte auf der Wiese in seinem Metallbett und lachte uns s\u00fcffisant an. Erst einmal setzten wir uns zu den Polizisten und warteten ab. Als eine Gruppe NGO-Mitarbeiter beim Checkpoint Halt machte, fragten wir einen der Beifahrer, wie die Lage in Khorug sei.<br \/>\nVor drei Tagen sind Unruhen ausgebrochen. Das Polizeigeb\u00e4ude wurde bombardiert und es gab bereits drei Tote. Seiner Einsch\u00e4tzung nach kann sich diese Situation \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hinziehen. Er und seine Familie wurden am Freitag aus Khorug in ein Nachbardorf evakuiert und durften nicht einmal mehr zur\u00fcck in die Stadt, um weitere pers\u00f6nliche Dinge zu holen. Gemeinsam mit Freunden sind sie nun auf dem Weg nach Dushanbe. Wir gehen kurz alle M\u00f6glichkeiten durch und m\u00fcssen feststellen, dass kein Weg mehr ins Pamir-Gebirge f\u00fchrt. Alle Stra\u00dfen verlaufen \u00fcber Khorug. Der einzige Ausweg w\u00e4re das Batang-Valley gewesen, aber das ist angeblich wegen eines gro\u00dfen Erdrutsches unpassierbar.<br \/>\nF\u00fcr uns sind das nat\u00fcrlich extrem schlechte Nachrichten. Abgesehen davon, dass es nat\u00fcrlich traurig ist, dass in Khorug gek\u00e4mpft wird, bedeutet es f\u00fcr uns, dass wir den selben Weg zur\u00fcck m\u00fcssen, den wir gekommen sind. Es gibt nicht viele M\u00f6glichkeiten von Tajikistan nach Kirgistan zu kommen. Ein Weg f\u00fchrt direkt nach Kirgistan, wobei wir nicht sicher sind, ob die Grenze passierbar ist. Bei allen anderen Wegen ben\u00f6tigen wir ein Visum f\u00fcr Uzbekistan, weil die Stra\u00dfe durch das Staatengewirr von Tajikistan, Kirgistan und Uzbekistan f\u00fchrt.<br \/>\nGeknickt und frustriert treten wir den R\u00fcckweg an. Es ist immer ein sehr trauriges Gef\u00fchl, den erk\u00e4mpften Weg wieder zur\u00fcckfahren zu m\u00fcssen. Vor allem mit dem Wissen,den h\u00e4rtesten Pass der ganzen Pamir-Region erneut \u00fcberqueren zu m\u00fcssen. Die Informationslage ist momentan recht schlecht. Handyempfang gibt es hier im Tal keinen, wir m\u00fcssen hoffen, in Qualai-Khumb Zugang zu Telefon \/ Intenet zu bekommen. Es muss abgekl\u00e4rt werden, welche Route gefahren werden kann und wie mit den eventuell erforderlichen Visa verfahren werden muss.<br \/>\nDie Stimmung ist entsprechend gedr\u00fcckt, als wir wieder flussabw\u00e4rts radeln. So gro\u00df war die Vorfreude auf das Pamir-Gebirge und jetzt ist alles dahin&#8230;<br \/>\nTragisch auch f\u00fcr Tyson und Hanne, bzw. Gayle und John. Sie sind vermutlich alle schon auf dem Weg und wissen davon nichts. Ob es Simon und Bazil bis nach Khorug geschafft haben, wissen wir auch nicht. Wenn die Beiden auch umdrehen m\u00fcssen, stehen sie vor einem ernsten Problem, weil sie nur noch wenige Tage Zeit haben, um nach China einzureisen&#8230;<br \/>\nWenn man in Zentralasien unterwegs ist, muss man mit allem rechnen. Auch damit, dass ganze Regionen von einem Tag auf den anderen nicht mehr passierbar sind. Nun musste ich das leider am eigenen Leib erfahren.<br \/>\nKopf hoch, es werden sich daf\u00fcr wieder andere M\u00f6glichkeiten auftun. Jetzt qu\u00e4len wir uns erst mal wieder in das bereits bekannte Tal zur\u00fcck. Hoffentlich ist der Schlamm schon etwas aufgetrocknet&#8230;<\/p>\n<h2>Tag 114 &#8211; 25.Mai<\/h2>\n<p>Shodak &#8211; Check Point Sagirdasht Pass: 53km; 3:52h im Sattel; 20 &#8211; 29 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Die Entt\u00e4uschung, den Pamir nicht fahren zu k\u00f6nnen hing heute Morgen noch deutlich in der Luft, aber so nach und nach hatte sich jeder mit der neuen Situation abgefunden. Bis nach Dushanbe wollen wir aber nicht mehr zur\u00fcckfahren. Als einzige Option kristallisiert sich das Petri Akum Tal heraus. Wenn wir dem Fluss Surhob fogen, kommen wir zur Grenze nach Kirgistan. Offen bleibt immer noch, ob wir dann \u00fcber die Grenze d\u00fcrfen, oder ob die Grenze dort zu ist. Nachdem es sich offenbar aber um die einzige Grenze neben dem Pamir Highway handelt, gehe ich davon aus, dass wir dort durchkommen.<br \/>\nEs geht also wieder zur\u00fcck nach Qalai Khumb. Auf der Afghanischen Seite schein heute gro\u00dfer Teppichwaschtag zu sein. Immer wieder sieht man riesengro\u00dfe Teppiche neben dem Fluss zum Trocknen ausgelegt. In dunklen Rott\u00f6nen leuchten die Teppiche zu uns her\u00fcber. Wir pedalieren nun dem Fluss folgend bergab. Zu unserem Gl\u00fcck ist gerade der Streckenabschnitt bis Qalai Khumb in relativ gutem Zustand, sodass wir bereits am fr\u00fchen Nachmittag im Ort ankommen. Die Fahrt zur\u00fcck ist interessanter als gedacht. Immer wieder kommen bekannte Bilder in den Kopf, doch dann wundere ich mich auch wieder \u00fcber v\u00f6llig neue Perspektiven, die die R\u00fcckfahrt bietet. Mit jedem Meter arrangiere ich mich mehr mit der neuen Situation. Es ist ein relativ langsamer Prozess, aber jetzt kann ich der Alternativroute durchaus auch schon wieder etwas abgewinnen.<br \/>\nKurz vor Qalai Khumb platzt Jonas Hinterreifen. Der erst vor zwei Tagen erstandene Mantel hatte den Stra\u00dfenverh\u00e4ltnissen nicht standgehalten. Kein gutes Zeichen f\u00fcr die kommenden Tage. Immerhin hatte er drei M\u00e4ntel gekauft. Der defekte Mantel soll aber trotzdem noch umgetauscht werden. Auch bei mir gibts wieder mal Erm\u00fcdungserscheinungen. Nach Tagen auf Holperpisten bricht mein Flaschenhalter. Ich denke, dass ich damit aber noch weiterfahren kann. Die chinesischen Flicken sind auch nicht unbedingt die zuverl\u00e4ssigsten. Wieder einmal muss ich einen Flicken erneuern. Eieiei&#8230; mit derart viel Flick-Aktionen hatte ich wirklich nicht gerechnet. Gut, dass wir in Qalai Khumb alle Zeit der Welt haben.<br \/>\nAuf der Polizeiwache kann man uns nicht wirklich Auskunft geben, wie die Situation in Khorug aussieht. Nachmittags scheint die Lage sich aber so darzustellen, als ob in B\u00e4lde damit zu rechnen ist, dass die Stra\u00dfe nach Khorug wieder freigegeben wird. Wir wissen nun auch nicht, wie es weitergehen soll. Ein paar Tage warten, oder einfach auf direktem Weg in Richtung Kirgistan weiterreisen?<br \/>\nW\u00e4hrend ich meine chinesischen Flicken austausche, steht pl\u00f6tzlich Simon, einer der beiden Franzosen, vor mir. Er und Bazil hatten es bis kurz vor Khorug geschafft, mussten dann aber auch zur\u00fcck. Sie fahren jetzt mit einem LKW bis Dushanbe und nehmen dann dasselbe Tal, das wir auch im Kopf haben. F\u00fcr die Beiden tut es mir wirklich leid, dass sie es nicht bis auf den Pamir geschafft hatten.<br \/>\nTrotz Sonntag schafft es Jonah den Besitzer des Fahrradkiosks aufzutreiben und noch einen Mantel zu kaufen. Internet ist im ganzen Ort leider nicht aufzutreiben. Wir beschlie\u00dfen heute noch die ersten 10km des Passes zu fahren und beim Check-Point zu \u00fcbernachten. Vielleicht wissen die Soldaten dort ja mehr, ob man morgen wieder nach Khorug kann, oder nicht. Ein Funkten Hoffnung schwebt noch in der Luft.<br \/>\nSchwerbeladen mit Essensvorr\u00e4ten f\u00fcr die n\u00e4chsten 3 Tage gehts wieder steil bergauf. Kurz vor dem Check Point dann wieder ein Platten&#8230; Diese chinesischen Flicken machen mich noch wahnsinnig!<br \/>\nDie Grenzsoldaten bieten uns bereitwillig einen traumhaften Platz zum Zelten an. Einer der diensthabenden Soldaten freut sich besonders \u00fcber unsere Gesellschaft. Erstmal erz\u00e4hlt er uns die ganze Geschichte \u00fcber den St\u00fctzpunkt hier und was sie den ganzen Tag so treiben und dann dreht er noch ein paar Runden mit meinem Rad. W\u00e4hrend wir unser Abendessen vorbereiten kommt er dann noch mit einer frischen Kanne Tee vorbei. Wirklich ein herziger Typ.<br \/>\nDas Zelt wird direkt neben dem Fluss aufgeschlagen, dem wir jetzt bis zur Passh\u00f6he folgen werden. Das eiskalte Wasser k\u00fchlt auch die Umgebungsluft deutlich ab. Wir sind nur 10km von Qalai Khumb entfernt und doch ist es gleich empfindlich k\u00e4lter.<br \/>\nWeder Hanne und Tyson, noch Gayle und John sind in den letzten Tagen durch den Check Point geradelt. Vielleicht treffen wir sie ja noch, wenn wir den Pass zur\u00fcckfahren. Aber vielleicht \u00e4ndert sich morgen ja auch wieder alles?<\/p>\n<h2>Tag 115 &#8211; 26.Mai<\/h2>\n<p>Check Point Sagirdasht Pass &#8211; Safederon: 38km; 4:13h im Sattel; 14 &#8211; 32 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Heute musste eine Entscheidung getroffen werden. Entweder es geht zur\u00fcck \u00fcber den Sagirdasht Pass, oder wir drehen wieder um in Richtung Khorug. Dazu br\u00e4uchten wir aber Gewissheit, ob die Stra\u00dfe nach Khurog wieder freigegeben ist. Immer wieder erkl\u00e4rten wir unserem neu gewonnenen Freund beim Checkpoint die Lage. So nach und nach hatte er dann auch verstanden, worum es uns ging und griff zum Telefon. Offenbar stellte er auch die richtigen Fragen. Zumindest kamen die Schlagw\u00f6rter Tourist, Fahrrad, Deutsche, Khorug und Dushanbe vor. Nach 5min kam dann der R\u00fcckruf von seinem Vorgesetzten. So wie es aussieht ist die Stra\u00dfe nach Khorug f\u00fcr Einheimische bereits wieder freigegeben. Ausl\u00e4nder d\u00fcrfen aber noch nicht durch die Checkpoints. Da hilft es auch nicht, wenn wir mit einem LKW mitfahren, weil bei jedem Checkpoint die Ausweise kontrolliert werden. Momentan wird davon gesprochen, dass Ausl\u00e4nder in drei Tagen wieder durch d\u00fcrfen.<br \/>\nZumindest haben wir jetzt mal eine Information mit der man was anfangen kann. Also entweder drei Tage hier sitzen und warten, oder gleich wieder aufs Rad&#8230; Schlussendlich war uns die Wartezeit zu riskant. Drei Tage klingt noch ein wenig vage. Kann zwar gut sein, dass in drei Tagen alles wieder gekl\u00e4rt ist, kann aber auch sein, dass Ausl\u00e4nder erst wieder in einer Woche weiter d\u00fcrfen.<br \/>\nAlso wieder \u00fcber den Pass&#8230; Vom H\u00f6henprofil ist der Sagirdasht Pass der h\u00e4rteste Pass im Pamir Gebiet. Innerhalb von weniger als 30km geht es vom Checkpoint aus \u00fcber 1500m steil bergauf. Zu unserem Gl\u00fcck gibt es auf dieser Seite stellenweise Asphalt. Trotzdem wurde es eine ziemliche Schinderei. Wir hatten aber keinen Zeitdruck und konnten so den Anstieg so gem\u00fctlich als es die Umst\u00e4nde zulie\u00dfen, in Angriff nehmen.<br \/>\nBeim Checkpoint hatte man uns schon ins Herz geschlossen. Immer wieder fragte man uns, ob wir nicht doch noch ein paar Tage hier bleiben m\u00f6chten. Aber Warten und nicht wissen, was wirklich kommt ist keine gute Alternative.<br \/>\nGanz ohne Pannen verlief der heutige Tag auch nicht. Kurz vor der Mittagspause platzte Franzis Hinterrad, kurz vor dem Gipfel scheuerte das Felgenband bei meinem Hinterrad wieder einmal ein Loch in den Reifen, bei der Abfahrt riss Franzis Schutzblech ab und mein Schlauch platzte bei einer Klebestelle erneut auf. So langsam gew\u00f6hnt man sich an die immer h\u00e4ufiger werdenden Zwangspausen.<br \/>\nDas Gute ist, wir haben alle Zeit der Welt. Die neue Route f\u00fchrt uns auf relativ kurzem Weg aus Tajikistan heraus. Geplant w\u00e4re gewesen, Tajikistan Mitte Juni zu verlassen, jetzt wird es wohl eher Anfang Juli werden.<br \/>\nJeder von uns war \u00fcbergl\u00fccklich, nach hartem Kampf die Passh\u00f6he endlich erreicht zu haben. Um halb sieben standen wir zum zweiten Mal auf 3252m H\u00f6he. Bis wir dann aber den Zeltplatz erreicht hatten, den Franzi und Jonah beim Anstieg bereits gew\u00e4hlt hatten, war die Sonne schon hinter der Gebirgskette verschwunden. Nicht einmal 40km hatten wir heute erradelt und trotzdem war jeder von uns fix und fertig. Nicht jeder kann behaupten, den Sagirdasht Pass von beiden Seiten befahren zu haben. Zu unserer \u00dcberraschung sind uns aber auch heute keine Radler entgegengekommen. Eigentlich hatte ich fest damit gerechnet jemanden zu treffen. Mag sein, dass sie bereits im Vorfeld bei einem Checkpoint aufgehalten worden sind.<\/p>\n<h2>Tag 116 &#8211; 27.Mai<\/h2>\n<p>Safederon &#8211; KM 14 auf der M41: 77km; 4:48h im Sattel; 18 &#8211; 32 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Die gestrige Kletterpartie steckte uns allen noch ein wenig in den Knochen. Der Start in den Tag verlief dementsprechend langsam. An den R\u00e4dern mussten diverse Ausbesserungsarbeiten durchgef\u00fchrt werden. Ich versuchte zum Beispiel das Felgenband des Hinterrades mit Isolierband zu \u00fcberkleben. Mit etwas Gl\u00fcck kann ich so die jetzt schon fast regelm\u00e4\u00dfigen Platten verhindern. Die R\u00e4der von Jonah und Franzi haben in den letzten Tagen auch schon deutlich Federn gelassen. Kabelbinder und Klebeband sind momentan das zuverl\u00e4ssigste Reparaturmittel. Die vielen Defekte wirken sich bei uns allen schon ein wenig auf die Stimmung aus. Mit derart viel Reparaturen h\u00e4tte ich im Vorfeld beim besten Willen nicht gerechnet. Ich hoffe, dass die Stra\u00dfen in Kirgistan ein wenig besser werden, ansonsten habe ich meine Bedenken, dass ich mit das Rad in einem St\u00fcck bis nach Wladiwostok bringe.<br \/>\nDas gute Wetter der letzten Tage hatte zu unserem Gl\u00fcck die Schlammpassage zur G\u00e4nze aufgetrocknet. Wo man vor ein paar Tagen noch das Rad unter Aufbietung der letzten Kr\u00e4fte durch den Schlamm ziehen musste, konnte man heute ganz gem\u00fctlich \u00fcber die eingetrocknete Lehmpiste ruckeln. Auch die meisten Flussquerungen stellten heute kein gro\u00dfes Hindernis mehr dar. Ein paar Tage sch\u00f6nes Wetter hatten gen\u00fcgt um dem Zubringer zum Sagirdasht Pass den Schrecken zu nehmen.<br \/>\nKurz vor Tavildara musste ich noch einmal meinen Hinterreifen flicken und das, obwohl ich das Felgenband \u00fcberklebt hatte. Jetzt packte ich aber den noch unbenutzten Schlauch aus. Vielleicht habe ich damit ja mehr Gl\u00fcck. Ausgehungert kamen wir dann am fr\u00fchen Nachmittag in Tavildara an und steuerten zielstrebig das kleine Lokal an, in dem ich schon beim Hochfahren gegessen hatte. Auch diesmal gab es wurde wieder vorz\u00fcglichst gekocht. Wenn ich hier wohnen w\u00fcrde, w\u00e4re dies wohl schon l\u00e4ngst mein Stammlokal geworden&#8230;<br \/>\nJonah und Franzi beschlossen, sich heute ein wenig Erholung zu g\u00f6nnen und dazu, wie schon beim Hochfahren, im \u00f6rtlichen Hotel einzuchecken. Ich \u00fcberlegte ebenfalls lange hin und her, entschied mich dann aber dazu, alleine weiterzufahren. Mit etwas Gl\u00fcck treffe ich dann noch auf Simon und Bazil. Wieder einmal war es kein leichter Abschied, aber irgendwann kommt eben der Moment, an dem sich die Wege wieder trennen. Ich hoffe nur, dass die beiden mit ihrem Material zumindest noch bis Kirgistan kommen, um dort wieder ein Update durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Die neu gekauften M\u00e4ntel machen keinen allzu guten Eindruck.<br \/>\nNachdem die Packtasche wieder aufgef\u00fcllt war, ging es noch ein paar Kilometer flussabw\u00e4rts. Leider nicht ganz ohne Panne. Ach der neue Schlauch bekam nach 10km ein Loch auf der Felgeninnenseite. Jetzt wei\u00df ich auch nicht mehr weiter&#8230; Bei der n\u00e4chsten Gelegenheit muss ich mir einen Ersatzschlauch besorgen. Meine beiden Ersatzschl\u00e4uche sind jetzt schon im Einsatz und es steht noch einiges an Strecke vor mir. Es musste auch mal wieder eine Niete der Packtasche durch eine Schraube ersetzt werden. Das macht mir aber weniger Sorgen, weil so langsam schon keine Nieten mehr in den Taschen sind. Die Schrauben sollten die Holperei ohne Probleme \u00fcberstehen.<br \/>\nEs geht vorbei an meinem bereits bekannten Zeltplatz. Man erkennt viele Stellen wieder und wei\u00df teilweise schon im Vorfeld, was hinter der n\u00e4chsten Kurve wartet, trotzdem ist es irgendwie ein anderes Bild. Immerhin scheint heute die Sonne und letztes Mal war Regen angesagt. Ab morgen geht es dann wieder in ein neues Tal. Bin gespannt, was mich dann erwartet.<\/p>\n<h2>Tag 117 &#8211; 28.Mai<\/h2>\n<p>KM 14 auf der M41 &#8211; kurz hinter Tajikabad: 103km; 4:56h im Sattel; 20 &#8211; 31 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Gerade als ich Kaftaguzar, das Dorf in welchem ich bei der Hinfahrt den Kindern Luftballons geschenkt hatte, hinter mir gelassen hatte h\u00f6rte ich aufgeregte Rufe hinter mir. Anfangs dachte ich, es ist das \u00fcbliche &#8220;hello, hello, hello&#8221; der Kinder, das man in jedem Dorf h\u00f6rt, doch dann blickte ich mich doch noch um und sah Tyson wie wild rufen und winken. Wieder einmal h\u00e4tte ich Tyson und Hanne um ein Haar verpasst. Sie waren bis zur Flussquerung hinter Tavildara gekommen und mussten dann umkehren. Jetzt fahren sie wieder nach Dushanbe und warten ein wenig ab. Ihr Visum l\u00e4uft ja noch relativ lange, weil sie ein 45 Tage Visum haben. Allerdings sind sie auch ein wenig skeptisch. Vor zwei Jahren gab es einen \u00e4hnlichen Zwischenfall in Khorug und damals war der Pamir f\u00fcr fast die ganze Saison gesperrt. Informationen sind f\u00fcr sie aber auch schwer zu erlangen, daher versuchen sie in Dushanbe verl\u00e4ssliche Ausk\u00fcnfte zu bekommen. Nachdem wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht hatten, ging es f\u00fcr mich wieder weiter. Eine der vielen Flussquerungen hatte ich wohl zu schnell genommen, da sich durch das Sch\u00fctteln der Spanngummi der vorderen Packtasche in den Speichen verfing und prompt abriss. Wieder ein neuer Defekt auf der schon relativ langen Liste. Zum Gl\u00fcck konnte ich die Befestigung am Nachmittag w\u00e4hrend einer erneuten Reifenpanne wieder reparieren.<br \/>\nBeim Checkpoint angekommen hoffte ich auf Auskunft wann \/ ob die beiden Franzosen durchgekommen sind. Der Diensthabende Beamte war aber nicht sonderlich motiviert und hatte auch keine Lust, in seinem Buch nachzulesen. Nun gut, dann eben nicht&#8230;<br \/>\nDie Stra\u00dfe in Richtung Grenze empfing mich gleich mal mit allerfeinstem Asphalt. Nach den paar Tagen auf den R\u00fcttelpisten eine richtige Wohltat. In der Karte ist die Stra\u00dfe als Nebenstra\u00dfe markiert, die M41 allerdings als Hauptverkehrsstra\u00dfe. Hier sollten eventuell mal die Karten \u00fcberarbeitet werden. Das neue Tal war \u00fcberraschend gr\u00fcn. Saftige Wiesen, viele B\u00e4ume und viel Landwirtschaft zu beiden Seiten der Stra\u00dfe. In einem unsagbar gro\u00dfem Flussbett schl\u00e4ngelt sich mit vielen Verzweigungen der Fluss in Richtung Tal. Zu beiden Seiten wird das Flusstal von einigen schneebedeckten 3000ern gerahmt. Man f\u00e4hrt von einem kleinen Dorf ins n\u00e4chste. Auf der gesamten Strecke gibt es kaum noch Streckenabschnitte die nicht bewohnt sind. Irgendwie ein ungewohnter, aber auch ein willkommener Kontrast zur menschenleeren Gegend in Richtung Pamir.<br \/>\nDank Asphalt, leichtem R\u00fcckenwind und moderater Steigung komme ich heute mal wieder recht flott voran. Auf der schlagloch-freien Asphaltstra\u00dfe macht es wieder richtig Spa\u00df z\u00fcgig durch die Landschaft zu pedalieren. Viel ist nicht los auf der Stra\u00dfe, aber seit Neuestem hupen die Autofahrer auch wieder.<br \/>\nEs wirkt so, als ob die Gegend, durch die ich heute radle ein wenig wohlhabender ist. Die Autos sind neuer, die H\u00e4user gr\u00f6\u00dfer und die Stra\u00dfenr\u00e4nder sind gepflegt. Unterwegs treffe ich immer wieder auf Jugendliche die gar nicht mal so schlecht Englisch sprechen. In Gharm gibt es sogar eine Universit\u00e4t an der Englisch unterrichtet wird. Die meisten hatten von den Vorf\u00e4llen in Khorug geh\u00f6rt, gro\u00df scheint das Interesse aber nicht zu sein. Als ich davon erz\u00e4hle, dass die Stadt f\u00fcr Tajiken bereits wieder frei ist, Ausl\u00e4nder aber noch nicht rein d\u00fcrfen, werde ich gleich mal dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt, dass in Khorug keine Tajiken, sonder Pamir-Bewohner leben. Offenbar ist der Autonomiestatus doch recht stark ausgepr\u00e4gt. Schade, dass ich mir davon nicht selbst ein Bild machen konnte.<br \/>\nEs bleibt aber weiterhin spannend&#8230; als ich gerade meine Wasservorr\u00e4te an einer Quelle auff\u00fclle, komme ich mit einem \u00e4lteren Herrn ins &#8220;Gespr\u00e4ch&#8221;. Er meint, dass es momentan Schwierigkeiten an der Grenze zu Kirgistan gibt. Offenbar gibt es in Kirgistan auch irgendwelche Unruhen. Von Tyson hatte ich die Info bekommen, dass die Grenze, die ich jetzt ansteuere zumindest wieder f\u00fcr Touristen ge\u00f6ffnet wird, da dies momentan der einzige Weg raus aus Tajikistan ist. Aber verl\u00e4sslich wei\u00df man es wohl erst, wenn ich dort bin. Ich hoffe mal, dass sich die Wogen wieder gegl\u00e4ttet haben, bis ich die Grenze erreiche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 113 &#8211; 24.Mai Ruzvai &#8211; Shodak: 67km; 4:31h im Sattel; 23 &#8211; 29 Grad, Sonne Camping &#8230;man wei\u00df ja nie&#8230; Der heutige Tag sollte eine gewaltige Wendung f\u00fcr die ganze Reise darstellen. Vieles, worauf ich mich die letzten Wochen gefreut \/ vorbereitet hatte muss jetzt neu \u00fcberdacht werden. 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