{"id":1773,"date":"2014-08-10T16:47:12","date_gmt":"2014-08-10T15:47:12","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=1773"},"modified":"2015-01-16T18:37:31","modified_gmt":"2015-01-16T16:37:31","slug":"tag-187-191-landschaftlich-tut-sich-wieder-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=1773","title":{"rendered":"Tag 187 &#8211; 191: Landschaftlich tut sich wieder was"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 187 &#8211; 06.August<\/h2>\n<p>Ruhetag in Jiuquan; Zwischenstand: 13.838km; 714,92h im Sattel<br \/>\nWarmshowers<\/p>\n<p>So nach und nach l\u00e4sst die Schockstarre wieder nach. Schon erstaunlich, wie sehr einem ein Ausfall der Technik aus der Bahn werfen kann. Wenn ich so dar\u00fcber nachdenke, dann gehe ich mal davon aus, dass die letzten Tage in der W\u00fcste bei konstantem Gegenwind sich doch ein wenig auf die Psyche geschlagen haben. Es war auf alle F\u00e4lle die beste Entscheidung in der Situation sich bei Han einzuquartieren. W\u00e4hrend er auf Strommasten klettert und Kabel \u00fcberpr\u00fcft sitze ich in seinem Zimmer und bringe langsam wieder Ordnung in mein geistiges Chaos. Den Vormittag verbringe ich damit, die Blogeintr\u00e4ge anhand meiner handschriftlichen Tagebucheintr\u00e4ge wieder herzustellen. Der Download der Karten zum Navigieren l\u00e4uft auch schon hei\u00df und ich f\u00fchle mich von Stunde zu Stunde besser. Alleine der Gedanke, einmal einen ganzen Tag im Zimmer zu verbringen entspannt schon sehr. Bisher hatte ich ja meist bei Ruhetagen stets etwas unternommen. Ich muss nicht einmal zum Essen das Zimmer verlassen. Han kommt am fr\u00fchen Nachmittag vorbei und bringt mir aus der Betriebskantine was leckeres mit. Somit bin ich auch f\u00fcr den Nachmittag ger\u00fcstet. Es werden Emails geschrieben, es wird geskyped und alles m\u00f6gliche im Internet recherchiert. Als Han dann wieder von der Arbeit zur\u00fcck ist, bin ich auch soweit bereit, mal wieder an die frische Luft zu gehen. Es wird langsam Abend und die Leute str\u00f6men in die kleinen Parks oder auf die gro\u00dfen offenen Pl\u00e4tze und machen Gymnastik, tanzen oder spielen Solo-Tennis. Immer wieder faszinierend zu sehen, wie viele Leute sich da zusammenfinden, um gemeinsam, aber doch alleine Sport zu treiben. Han hat mich zum Basketballspielen eingeladen, aber schon nach den ersten Minuten ist mir klar, dass das im Moment nicht das Richtige f\u00fcr mich ist. Die Geschwindigkeit des Spiels \u00fcberfordert mich und ich ziehe es vor, den Jungs vom Spielfeldrand zuzusehen. So bleibt Zeit, sich ein wenig Gedanken zu machen \u00fcber China, die Leute und deren Kultur. Auf mich macht es oft den Eindruck, als ob viele Chinesen sehr Ich-bezogen sind und nicht wirklich mit Anderen auseinandersetzen. Nat\u00fcrlich sieht man gerade am Abend viele Chinesen gemeinsam bei der Gymnastik, aber wenn man ehrlich ist, macht es doch jeder f\u00fcr sich alleine und geht einfach in der Masse unter. Liegt es vielleicht an der 1 Kind Politik, dass die Chinesen scheinbar Schwierigkeiten haben gemeinsam sozialkompetent zu agieren? In den Lokalen sitzt jeder schmatzend und laut schl\u00fcrfend nebeneinander, aber kaum jemand unterh\u00e4lt sich miteinander. Selten sieht man gr\u00f6\u00dfere Gruppen etwas gemeinsam unternehmen. Meist ist man zu zweit, oder vielleicht zu dritt unterwegs, aber auch da wird laufend mit den Handys rumgespielt, es wirkt so, als ob die Einzelnen gar nicht wirklich anwesend sind. Nun ja, so ganz bin ich der Sache noch nicht auf die Schliche gekommen, aber meine Vermutung verst\u00e4rkt sich, dass es offenbar Schwierigkeiten gibt mit andern zu agieren. Ich will jetzt nicht pauschal den Chinesen soziale Kompetenz absprechen, aber es sticht einfach ins Auge, dass viele sich sehr egozentrisch verhalten.<br \/>\nMan sp\u00fcrt das auch deutlich im Stra\u00dfenverkehr. Die &#8220;Vorsicht, jetzt komme Ich und nach mir die Sintflut-Mentalit\u00e4t&#8221;findet man sowohl auf der Autobahn, als auch in der Stadt. Es herrscht eine klare Hierarchie. Fu\u00dfg\u00e4nger stehen da ganz unten. Trotz Zebrastreifen ist davon abzuraten, einfach auf die Stra\u00dfe zu treten. Autofahrer bremsen nicht extra, auch wenn man schon auf der Stra\u00dfe steht. Elektroroller und Motorr\u00e4der stehen etwas \u00fcber den Fu\u00dfg\u00e4ngern und dann kommen die LKWs, zum Schluss die PKWs. Zur Sicherheit wird schon gehupt, auch wenn man noch hunderte Meter entfernt ist. Oft hat man den Eindruck, dass das Bremspedal direkt mit der Hupe verbunden ist.<br \/>\nDass nicht alle Chinesen Egoisten sind, ist ja klar. Han zum Beispiel geh\u00f6rt auch zu den Ausnahmen. Er merkt aber selber an, dass er auch oft von der verschlossenen, oder auch \u00e4ngstlichen Verhaltensweise seiner Landsleute \u00fcberfordert ist. Ob es jetzt etwas damit zu tun hat, dass er eigentlich aus der Mongolei stammt, man wei\u00df es nicht.<br \/>\nSeine Offenherzigkeit und \u00fcberaus gro\u00dfz\u00fcgige Gastfreundschaft erinnert mich wieder an die Zeit im Iran. Der Gast ist K\u00f6nig und es wird alles unternommen, damit es dem Gast gut geht. Ich sp\u00fcre schon, dass ich das nicht allzu lange durchhalten w\u00fcrde. Es ist nicht einfach, sich auf alles einladen zu lassen und nichts wirklich geben zu k\u00f6nnen, aber ich gebe mir M\u00fche und folge dem vorgeschlagenen Programm. Gemeinsam mit (s)einer Freundin gehen wir erst mal was essen und schlendern dann noch gem\u00fctlich durch das n\u00e4chtliche Jiuquan. Han ist jetzt 28 und bekommt schon langsam Druck von seinen Eltern, dass er doch bald heiraten sollte. Die richtige Partnerin zu finden ist aber nicht so leicht. Erst einmal erwarten die Frauen anscheinend irgendwelche Verm\u00f6genswerte. Daf\u00fcr hat sich Han jetzt mit gro\u00dfz\u00fcgiger Unterst\u00fctzung seiner Eltern eine Wohnung gekauft. Dann muss aber auch noch die Familie mit der Partnerin einverstanden sein und das macht es meist nicht einfacher. \u00c4lter als der Mann darf die Partnerin eigentlich nicht wirklich sein &#8211; das bereitet z.B. Han im Moment gro\u00dfe Schwierigkeiten&#8230;<br \/>\nEine Liebesbeziehungen in einer Gesellschaft aufzubauen, die sehr stark auf materielle Werte fixiert ist, ist nicht leicht. Nach dem Abend mit Han sehe ich die jungen Leute mit den nigelnagelneuen Autos mit ganz anderen Augen. Im Grunde ist es reines Balzgehabe, das sich nicht durch soziale Interaktion \u00e4ussert, sondern einfach durch zur Schau stellen von materiellen Werten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Tag 188 &#8211; 07.August<\/h2>\n<p>Jiuquan &#8211; 30km vor Linze: 145km; 5:48h im Sattel; 22 &#8211; 29 Grad, bedeckt<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Die gestrigen Biere hatten Han etwas zugesetzt, denn er m\u00fchte sich ziemlich aus dem Bett. Ein langsamer Start war ohnehin geplant, daher war das f\u00fcr mich gerade recht. Er hatte sich f\u00fcr heute extra freigenommen, um auch wirklich sichergehen zu k\u00f6nnen, dass ich den Weg zur Autobahn auch finde. Auch wenn ich ihm mehrfach versichert hatte, dass ich mich schon zurechtfinden w\u00fcrde, immerhin bin ich jetzt ja schon fast um die halbe Welt geradelt, wollte er sich selbst davon \u00fcberzeugen, dass ich auch wirklich die richtige Kreuzung erwische.<br \/>\nKurz hatte ich \u00fcberlegt, noch einmal nach Jiayuguan zur\u00fcckzufahren, um die Festung und die Chinesische Mauer zu besichtigen, aber im Grunde wollte ich weiter. Ich werde schon noch ein paar Mal die Gelegenheit haben, die Chinesische Mauer aus der N\u00e4he zu betrachten.<br \/>\nEs ist wirklich eigenartig, seit ich Jiayuguan passiert hatte gibt es jetzt immer h\u00e4ufiger gr\u00fcne Streckenabschnitte. Die W\u00fcstenabschnitte werden immer weniger, was mich ganz und gar nicht st\u00f6rt. Entlang des Qinlian Shan Gebirges geht es mit leichtem R\u00fcckenwind wieder weiter in Richtung Osten. Leider ist die Sicht durch den Dunst sehr eingeschr\u00e4nkt, sodass man den \u00fcber 5000m hohen Gipfel nur schemenhaft erkennen kann.<br \/>\nIch freue mich jetzt wieder richtig, dass es weitergeht. Der Tag Pause in Jiuquan hat wirklich Wunder bewirkt. Man f\u00fchlt sich jetzt auch nicht mehr ganz so verloren, da sich nun neben der Stra\u00dfe endlich wieder was tut. Die Maisfelder neben der Stra\u00dfe werden meist mit Handarbeit abgeerntet. Immer wieder passiere ich kleinere Ziegeleien. Der Lehm wird an Ort und Stelle abgebaut, die rohen Ziegel in Handarbeit auf dem Firmengel\u00e4nde zum Trocknen ausgelegt. Anschlie\u00dfend werden sie in die Brennhalle gefahren. Die \u00d6fen werden vom Dach aus mit Kohle beheizt. Ein ganz interessantes Bild, meist sieht man eine einzige Person auf dem Dach herumlaufen und in kleine L\u00f6cher Kohle schaufeln, w\u00e4hrend zu ebener Erde aus unz\u00e4hligen kleinen Toren fertig gebrannte Ziegel herausgefahren werden.<br \/>\nIn Jiuquan hatte ich mich im Supermarkt wieder mit frischen Lebensmitteln und Getr\u00e4nken eingedeckt. Offenbar hatte ich ein wenig zuviel eingekauft, weil mir diesmal trotz ebener Strecke das Gewicht des Rades direkt ein wenig zu schaffen machte. Aber das Gute an zu viel Gewicht wegen Lebensmitteln ist ja, dass man es relativ einfach reduzieren kann&#8230;<br \/>\nIch fand am Abend einen herrlich ruhigen Platz zum Zelten und konnte mir in aller Seelenruhe ordentlich aufkochen. F\u00fcr morgen sind das schon wieder ein paar Kilo weniger zu schleppen.<\/p>\n<h2>Tag 189 &#8211; 08.August<\/h2>\n<p>30km vor Linze &#8211; kurz hinter Zhangye: 128km; 5:46h im Sattel; 26 &#8211; 38 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>F\u00fcr heute stand ein Ausflug zum Zhangye Danxia Geopark auf dem Programm. Von einer Freundin hatte ich den Tip bekommen, dort mal vorbeizuschauen. Weder auf meiner Karte, noch im Reisef\u00fchrer fand ich einen Hinweis auf diese Sehensw\u00fcrdigkeit, demnach war ich recht gespannt, was mich dort erwarten w\u00fcrde. Ich verlie\u00df die Autobahn und drehte eine kurze Ehrenrunde in Linze, bestieg den k\u00fcnstlichen Berg und machte mich dann auf in Richtung der echten Berge. Auf der gerade frisch asphaltierten, in Zukunft wohl vierspurigen Stra\u00dfe ging es recht gem\u00fctlich bergauf. Viel los war nicht, obwohl das Wochenende vor der T\u00fcr stand. Die neue Stra\u00dfe f\u00fchrt vorbei an einigen, sich gerade in der Fertigstellung befindlicher Hotelanlagen samt gigantisch gro\u00dfem Parkplatz. Man stellt sich offenbar auf eine zunehmende Besucherzahl ein. Ich folgte der Stra\u00dfe noch ein paar Kilometer und erreichte dann schlussendlich den Eingang zum gesuchten Park. Mit &#8220;auf eigene Faust erkunden&#8221; war leider nichts, was sich im Nachhinein aber als kein gro\u00dfer Nachteil herausstellte. F\u00fcr knapp 8 EUR durfte man dann rein und sich mit dem Shuttlebus von Aussichtsplattform zu Aussichtsplattform chauffieren lassen. Die Szenerie war wirklich sehenswert. Stark erodierter Sandstein in allerlei Farben und Formen war zu sehen. Wohin man auch blickte, es gab immer was neues zu sehen. Die Aussichtsplattformen waren nach bestimmten Motiven benannt, die man angeblich in den Gesteinsformationen erkennen k\u00f6nnte, aber da war meine Phantasie wohl etwas zu schwach ausgebildet.<br \/>\nUmgeben von gut situierten, mit schweren Kameras bewaffneten chinesischen Touristen ging es durch den Park. Ein wenig zum Schmunzeln war, mit welchem Aufwand der Gro\u00dfteil der Besucher versuchte, sich vor der Sonne zu sch\u00fctzen. Regenschirme, gro\u00dfe H\u00fcte, Windjacken, T\u00fccher usw. kamen zum Einsatz. \u00dcberall dort, wo auch nur ein bisschen Schatten war, dr\u00e4ngten sich die Leute zusammen. Nachdem ich ohnehin tagt\u00e4glich in der prallen Sonne unterwegs bin, konnte ich mich dagegen recht entspannt bewegen.<br \/>\nIch kann mir gut vorstellen, dass gerade im Morgen-, oder Abendlicht die unterschiedlichen Farben der Gesteinsschichten besonders gut zur Geltung kommen, doch auch jetzt zur Mittagszeit hatte der Ort durchaus seinen Reiz.<br \/>\nDanke Lydia f\u00fcr diesen Hinweis, der Abstecher war es auf alle F\u00e4lle wert!<br \/>\nNach einer kurzen St\u00e4rkung ging es dann recht flott wieder bergab in Richtung Zhangye. Vorbei an kleinen Siedlungen, in denen interessanterweise vor jedem Haus ein Solarkocher stand. Die Parabolspiegel stehen meist auf Rollen und k\u00f6nnen \u00fcber eine Kurbel in der Neigung verstellt werden. Offensichtlich funktioniert das System recht gut. Auf fast jedem dieser Spiegel stand eine Kanne mit Wasser, das bei genauem Hinh\u00f6ren oft am kochen war.<br \/>\nVorbei an gro\u00dfen Maisfeldern, die gerade st\u00fcckweise per Hand abgeerntet werden. Hoffnungslos \u00fcberladene Dreiradmopeds und kleine Traktoren transportieren die abgeschnittenen Maisstauden zu einem Sammelplatz wo die Ware offenbar gewogen wird. Manchmal kann man den Fahrer gar nicht mehr erkennen, weil das Gef\u00e4hrt \u00fcber und \u00fcber mit Maisstauden beladen ist.<br \/>\nIn Zhangye wollte ich eigentlich den gro\u00dfen liegenden Buddha, doch leider hatte der Tempel nur noch 20min ge\u00f6ffnet. Angesichts des doch recht beachtlichen Eintrittspreises lie\u00df ich diese Sehensw\u00fcrdigkeit dann links liegen und radelte statt dessen noch ein wenig durch die Stadt. Endlich einmal sah ich, wo die Melonen eigentlich landen, die seit Tagen an mir vorbeirauschen. Obstverk\u00e4ufer reiht sich an Obstverk\u00e4ufer, es ist kaum noch ein Durchkommen auf der an sich recht breiten Stra\u00dfe.<br \/>\nDas viele Hupen geht mir leider immer noch ein wenig auf den Geist und so bin ich recht froh, wieder auf der Autobahn gelandet zu sein. Hier ist an sich sogar weniger Verkehr, als auf der Bundesstra\u00dfe. Zumindest hat man hier aber einen breiten Seitenstreifen nur f\u00fcr sich alleine. Dieses Mal wollte man mich schon fast abfangen, als ich durch die Mautstation wollte, ich legte aber einfach kurz noch einen Zahn zu, hob die Hand zum Gru\u00df und schon war ich durch.<br \/>\nDie Zeltm\u00f6glichkeiten werden jetzt nach und nach seltener. \u00dcberall Landwirtschaft und kaum noch unbewohntes Gebiet. Bin gespannt, wie sich das so in den kommenden Tagen weiterentwickelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Tag 190 &#8211; 09.August<\/h2>\n<p>kurz hinter Zhangye &#8211; Raststation Yongchang: 156km; 7:08h im Sattel; 23 &#8211; 34 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Nach einem fr\u00fchen Start am Morgen war es nach einigen Kilometern endlich soweit und die Chinesische Mauer, oder zumindest das, was noch von ihr \u00fcbrig ist, taucht neben der Stra\u00dfe auf. Anfangs sieht man nur vereinzelt ein paar kleinere T\u00fcrme, die vermutlich Wachposten waren, in der Landschaft stehen. Verbindet man diese Ruinen gedanklich miteinander, so entsteht eine Zick-Zack Linie, die durchaus der Chinesischen Mauer entsprechen k\u00f6nnte. Nach einiger Zeit sieht man dann endlich auch \u00dcberreste der eigentlichen Mauer. Viel ist nicht mehr \u00fcbrig, aber ich finde es auf jeden Fall imposant, dass nach so langer Zeit immer noch etwas steht. Immerhin handelt es sich nicht etwa wie ich zuerst dachte um ein Steinbauwerk, sondern nur um eine recht massive Lehmmauer. \u00dcber das Baumaterial musste man sich damals schon keine Gedanken machen. Die erforderlichen Ziegel konnten direkt vor Ort hergestellt werden, vermutlich auf \u00e4hnliche Weise, wie teilweise noch heute in den kleinen Ziegeleien.<br \/>\nWarum auch immer, aber f\u00fcr mich f\u00fchlt es sich irgendwie besonders an, entlang der fr\u00fcheren Grenze des chinesischen Reiches zu radeln. Im Grunde hatte ich mir die Mauer etwas pomp\u00f6ser vorgestellt, aber auch so macht das ganze durchaus Eindruck.<br \/>\nBeim ersten Zwischenstop gibts seit langem mal wieder etwas Gutes f\u00fcrs Rad. Am Hinterrad werden die Speichen nachgezogen, ein Loch, das mich schon seit drei Tagen verfolgt geflickt und zu guter Letzt noch die M\u00e4ntel von Vorder- und Hinterrad getauscht. Mal schauen, vielleicht komme ich mit den M\u00e4nteln ja noch bis nach Hause. Das Profil des Hinterreifens war schon ziemlich am Ende, aber jetzt mit dem Profil vom fr\u00fcheren Vorderrad sollte es schon klappen. Jetzt nach 14.000km sieht man schon gravierende Unterschiede in der Abnutzung von Vorder- und Hinterrad.<br \/>\nNachdem sich jetzt viele Tage neben der Stra\u00dfe nicht viel getan hat, geht es heute richtig zur Sache. Erst mal entlang der Chinesischen Mauer und dann hoch bis auf \u00fcber 2500m. Die Landschaft neben der Stra\u00dfe erinnert jetzt sehr an Kirgistan. Sanfte gr\u00fcne H\u00fcgel, im oberen Bereich dicht bewaldet. Man kann sich gar nicht richtig sattsehen an der neuen Landschaft, nachdem ich jetzt wirklich ewig lange durch monotone \u00d6dnis gefahren bin. So langsam beginne ich mich mit diesem Teil von China anzufreunden.<br \/>\nNach der Abfahrt &#8211; welch ein Wunder, Gegenwind &#8211; wird auf einmal \u00fcberall Getreide angebaut. Schon paradox, noch vor ein paar Tagen konnte ich die Bauern beobachten, wie sie per Hand das Getreide trocknen und im Wind Spreu vom Weizen trennen und hier gibts auf einmal sprechende M\u00e4hdrescher&#8230;<br \/>\nGut, ich gebe zu, irgendwie bin ich nicht so der W\u00fcstentyp. Berge oder zumindest H\u00fcgellandschaften liegen mir da mehr. Da kann man offenbar nicht so richtig raus aus seiner Haut. Dementsprechend wohl f\u00fchle ich mich jetzt in dieser neuen Umgebung.<br \/>\nHeute schein irgendein besonderer Tag f\u00fcr die Verstorbenen zu sein. Zumindest konnte ich den ganzen Tag beobachten, wie sich Familien um einzelne Gr\u00e4ber versammeln, dort Pavillions aufstellen und beim Zusammensitzen irgendetwas vor den Grabh\u00fcgeln verbrennen. So ganz habe ich die Bestattungskultur ohnehin noch nicht durchschaut. Oft sieht man irgendwo in der Pr\u00e4rie vereinzelte Grabh\u00fcgel, manchmal kilometerweit vom Ort entfernt eine Ansammlung von Grabh\u00fcgeln, ein System dahinter kann ich bis jetzt noch nicht erkennen. Was sich aber \u00fcberall wiederholt ist die Art und Weise, wie die Gr\u00e4ber gestaltet sind. Die Erde wird kreisf\u00f6rmig \u00fcber dem Grab aufgeh\u00e4uft und bildet so einen Kegel, der teilweise bis zu zwei Meter hoch ist. Oft liegen dann ein paar Ziegel auf der Kegelspitze und ein Ast steckt darin. Grabsteine gibt es trotzdem noch bei den meisten Gr\u00e4bern. Interessant w\u00e4re schon, wie es zur Ortswahl der Grabst\u00e4tte kommt. Naja, vielleicht komme ich ja im Laufe der Zeit noch drauf.<br \/>\nFast den ganzen Tag begleitet mich heute ein eigenartiges Klapperger\u00e4usch in der Luft. Ziemlich gro\u00dfe Heuschrecken gibt es hier in der Gegend und beim Fliegen machen die Fl\u00fcgel dieses laute Ger\u00e4usch. Ich frage mich, ob das einen speziellen Zweck erf\u00fcllt, oder ob da einfach in der Evolution nicht so 100 Prozent optimiert wurde.<br \/>\nAls Tagesziel wurde heute die Raststation Yongchang auserkoren. Irgendwie hatte ich heute keine Lust auf die Zeltplatzsuche neben der Autobahn und hoffte darauf, irgendwo auf der Raststation mein Zelt aufstellen zu k\u00f6nnen. Besonders idyllisch fiel der Platz dann zwar nicht aus, daf\u00fcr gibts flie\u00dfend Wasser, Toiletten, ein Restaurant und einen Supermarkt. Was will man mehr. Besser als in irgendeiner Unterf\u00fchrung ist es hier allemal. Ich kann auch wieder mal mein &#8220;im richtigen Moment Nicken, oder Kopfsch\u00fctteln&#8221; \u00fcben. Die Sicherheitsbeamten, die auf jedem Rastplatz rumlaufen sind meistens sehr kontaktfreudig und reden ganz munter drauf los. Hin und wieder erwarten sie dann aber auch eine Reaktion. Bisher klappt es ganz gut. Ich antworte ganz entspannt in deutsch und sie quatschen munter in chinesisch weiter. Ich denke, so hat jeder seinen Spa\u00df und irgendwie ist es ja auch ganz nett, einfach mal ein paar Minuten zusammensitzen und so zu tun, als ob man sich unterhalten k\u00f6nnte.<br \/>\nIn den letzten Tagen ist mir auch schon immer wieder mal aufgefallen, dass gerade mein Bart und die Form meiner Nase gr\u00f6\u00dftes Interesse hervorruft. Ich geh\u00f6re jetzt offenbar auch zu den &#8220;Langnasen&#8221;. Bartwuchs ist in China ja nicht sonderlich weit verbreitet, was aber vor allem daran liegt, dass den meisten Chinesen einfach kein Bart w\u00e4chst. Schon klar, dass dann ein Europ\u00e4er mit Vollbart ein wenig Verwirrung stiftet.<\/p>\n<h2>Tag 191 &#8211; 10.August<\/h2>\n<p>Raststation Jongchang &#8211; Wuwei: 72km; 2:25h im Sattel; 13 &#8211; 15 Grad, Regen<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Nun gut, es kann ja nicht jeden Tag die Sonne scheinen, aber dass es dann gleich so ins Gegenteil umschl\u00e4gt, das h\u00e4tte es wirklich nicht gebraucht. Wenn man mit einem Wort den heutigen Tag beschreiben m\u00fcsste, dann w\u00fcrde es &#8220;ekelhaft&#8221; wohl am besten treffen.<br \/>\nGegen vier Uhr fr\u00fch fing es an zu regnen und wie sich im weiteren Tagesverlauf zeigen sollte, h\u00f6rte es auch bis zum fr\u00fchen Abend nicht mehr auf. Ich wei\u00df nicht, warum Zelthersteller immer mit unvorstellbar hohen Zahlen einer sogenannten Wassers\u00e4ule ihre Zelte bewerten, ich habe die Erfahrung gemacht, wenn es wirklich regnet, dann ist das Zelt nach einer gewissen Zeit einfach von allen Seiten her nass. Anfangs dachte ich noch, ich sitze die Situation in meinem &#8220;trockenen Zelt&#8221; aus, doch unter meiner Liegematte hatte sich bereits ein See gebildet, das gesamte Vorzelt stand unter Wasser, weil es ganz lustig von Oben her runtertropft und irgendwie hatte ich das Gef\u00fchl, in wenigen Stunden versinkt das Zelt ganz in den &#8220;Fluten&#8221;. Es hilft also nichts, ich muss in den sauren Apfel beissen, in die Regenklamotten schl\u00fcpfen und bei str\u00f6mendem Regen meine Sachen verstauen und das Zelt zusammenpacken. Der Temperatursturz im Vergleich zum gestrigen Vormittag betrug satte 15 Grad, was die Situation nicht unbedingt angenehmer gestaltete.<br \/>\nDas Einzige was mich antrieb war die Vorstellung, im knapp 80km entfernten Wuwei ein trockenes und warmes Hotelzimmer zu finden. Also rauf aufs Rad und treten was das Zeug h\u00e4lt. Ein bisschen Gl\u00fcck darf man an so einem Tag dann doch auch noch haben und so gab es leichte Unterst\u00fctzung durch konstanten R\u00fcckenwind. Ohne Pause ging es dann auf dem Standstreifen dahin. Schlussendlich waren es dann doch keine 80, sondern nur 70km, was mir in dieser Situation sehr gelegen kam. Von Weitem sah ich schon die ersten Hochh\u00e4user von Wuwei und hoffte darauf, m\u00f6glichst rasch ein Hotel zu finden. Die Hochh\u00e4user entpuppten sich dann aber allesamt als gro\u00dfe Baustelle. Abseits der Aussenringstra\u00dfe gab es erst mal nur noch unbefestigte Stra\u00dfen. So wie es aussieht bereitet sich der Ort auf einen Zuzug noch nie dagewesener Gr\u00f6\u00dfe vor. Nach einigen Kilometern erreichte ich dann den etwas belebteren Teil des Ortes und stand dann auch gleich vor einem Hotel. Die Stra\u00dfenkreuzung stand bis zur Tretkurbel unter Wasser, auch hier scheint der Regen ordentliche Arbeit geleistet zu haben. Meine Hoffnung auf ein Hotelzimmer musste ich aber erst einmal auf Eis legen. Im ersten Hotel abgelehnt, und \u00fcber die Stra\u00dfe zum n\u00e4chsten geschickt. Dort erkl\u00e4rte man mir, dass dieses Hotel keine Lizenz zur Beherbergung von Ausl\u00e4ndern besitzt, ich solle es doch gegen\u00fcber versuchen. Also noch einmal zur\u00fcck und zum zweiten Mal mein Gl\u00fcck versucht. Dieses Mal schaltete ich Han, meinen Warmshowers Host aus Jiuquan per Telefon mit in die Unterhaltung ein. Angeblich war das Hotel ausgebucht. W\u00e4hrend ich versuchte herauszufinden, wo denn das n\u00e4chste Hotel sei, kamen dann noch eine Familie und zwei Einzelpersonen, die allesamt problemlos eincheckten. Ganz so ausgebucht konnte das Hotel dann also nicht gewesen sein. Von einem der G\u00e4ste wurde mir dann in gebrochenem Englisch mitgeteilt: &#8220;you can not live here&#8221;. Ok, warum es dann aber so schwer ist, mir zu erkl\u00e4ren wo ich das n\u00e4chste Hotel finde, wei\u00df ich auch nicht. So langsam war mir schon ziemlich kalt. Ich war bis auf die Haut durchn\u00e4sst und viel w\u00e4rmer war es unter Tags auch nicht geworden. Nach ein paar Minuten Fahrt durch den Regen fand ich dann schlussendlich noch ein Hotel in dem ich, wenn auch wiederwillig aber schlie\u00dflich doch aufgenommen wurde.<br \/>\nUmgehend wurden im gesamten Zimmer die nassen Klamotten ausgelegt und das Zelt im kleinen Bad zum trocknen aufgestellt. Warmes Wasser gab es ohnehin keines, weshalb ich mich erst einmal eine Stunde im Bett verkroch.<br \/>\nSo nach und nach taut mann dann aber eh wieder auf und die Welt sieht gleich wieder freundlicher aus. Der Regen hatte auch schon nachgelassen und schlussendlich konnte ich sogar noch trockenen Fu\u00dfes ein Lokal aufsuchen, um f\u00fcr den heutigen Tag zum ersten Mal was zu essen.<br \/>\nSo wie ich gestern schon unterwegs gesehen hatte, dass an den Gr\u00e4bern verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel los ist, sieht man auch in der Stadt auf der Stra\u00dfe \u00fcberall Leute, wie sie Papiergeld, Fr\u00fcchte, Kekse oder Zigaretten verbrennen. Alles Gaben f\u00fcr die Verstorbenen. Die \u00dcberreste der Zeremonie bleiben einfach am Gehsteig zur\u00fcck. Irgendwer wird sich schon darum k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 187 &#8211; 06.August Ruhetag in Jiuquan; Zwischenstand: 13.838km; 714,92h im Sattel Warmshowers So nach und nach l\u00e4sst die Schockstarre wieder nach. Schon erstaunlich, wie sehr einem ein Ausfall der Technik aus der Bahn werfen kann. 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