{"id":1850,"date":"2014-08-20T16:13:30","date_gmt":"2014-08-20T14:13:30","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=1850"},"modified":"2015-01-16T18:50:05","modified_gmt":"2015-01-16T16:50:05","slug":"tag-195-201-china-mausert-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=1850","title":{"rendered":"Tag 195 &#8211; 201: China mausert sich"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 195 &#8211; 14.August<\/h2>\n<p>Lanzhou &#8211; 10km hinter Dingxi: 122km; 6:32h im Sattel; 21 &#8211; 30 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Bei strahlendem Sonnenschein ging es heute Morgen aus der Stadt. Gleich Anhieb hatte ich die richtige Ausfallstra\u00dfe gefunden und lie\u00df Lanzhou hinter mir. Bis etwa gegen Mittag hie\u00df es heute wieder einmal H\u00f6he gewinnen. Ich hatte mich gestern bereits dazu entschieden, zuk\u00fcnftig auf der Bundesstra\u00dfe weiterzufahren. Nun gibt es ja endlich ein bisschen was zu sehen und weit \u00fcber 2000km Autobahn sind nun auch genug. Nachdem die Landschaft nun recht h\u00fcgelig wird, schneidet sich die Autobahn immer wieder mittels Tunnels durch die H\u00fcgel. Die Bundesstra\u00dfe weicht entweder in gro\u00dfem Bogen aus, oder verl\u00e4uft eben \u00fcber den H\u00fcgel. So viele Tage \u00f6der, immer gleichbleibender Landschaft liegen nun hinter mir, sodass ich mich richtig auf die abwechslungsreichen Strecken freue.<br \/>\nZu meinem Erstaunen gibt es nur relativ wenige Siedlungen \/ D\u00f6rfer entlang der heutigen Strecke. Viel bewirtschaftetes Land dazwischen, aber eben ohne H\u00e4user. H\u00e4tte ich nicht erwartet, tut aber ganz gut. Man sieht schon, woher der Gebe Fluss seine Farbe hat. Die Erde \u00fcberall stark lehmhaltig. Nachdem die H\u00fcgel stellenweise recht steil abfallen versucht man hier durch Terrassierung der Natur etwas mehr bewirtschaftbare Fl\u00e4che abzuringen. Auf teilweise recht kleinen Feldern wird unterschiedlichstes Gem\u00fcse, Mais oder Getreide angebaut. Industrie, so wie z.B, auf der Strecke vor Lanzhou sieht man hier keine mehr.<br \/>\nDie Luft zum Atmen wird aber trotzdem recht knapp. Nach der Mittagspause geht es durch einen unbeleuchteten Tunnel, dessen Stra\u00dfenbelag Erinnerungen an den &#8220;Todestunnel&#8221; in Tajikistan aufkommen l\u00e4sst. Bisher war der Stra\u00dfenbelag noch recht passabel, aber auf der gegen\u00fcberliegenden Seite erwartet mich eine Stra\u00dfe in katastrophalem Zustand. Die vielen LKWs wirbeln den Staub nur so auf, dass man minutenlang kaum noch die Stra\u00dfe sieht. Immer wieder muss ich zur Wasserflasche greifen, um das Knirschen im Mund wegzusp\u00fclen. Schlagloch reiht sich an Schlagloch, tja, das sind eben die Schattenseiten einer untergeordneten Stra\u00dfe. Aber nichtsdestotrotz, es macht dennoch Spa\u00df durch die immer interessanter werdende Landschaft zu radeln.<br \/>\nHeute begegnen mir wieder eine Hand voll chinesischer Radfahrer mit Leichtgep\u00e4ck. So langsam habe ich mich jetzt schon daran gew\u00f6hnt, nur noch kurz zu gr\u00fc\u00dfen und ohne anzuhalten weiterzuradeln. Bin wirklich gespannt, ob mir auch mal wieder ein nicht chinesischer Radreisender begegnet.<br \/>\nChina habe ich ja stets mit Fahrr\u00e4dern verbunden. Mein Bild von China bestand immer aus St\u00e4dten und D\u00f6rfern in denen fast jeder mit einem Rad unterwegs ist. Dieses Bild geh\u00f6rt anscheinend schon lange der Vergangenheit an. In Lanzhou sieht man wirklich nur noch sehr vereinzelt Leute mit dem Fahrrad. Es wurden zwar seit kurzem Leihr\u00e4der nach internationalem Vorbild eingef\u00fchrt, aber abseits dessen zieht offenbar die Mehrheit den Elektroroller, oder eben das Auto vor. In den D\u00f6rfern ein sehr \u00e4hnliches Bild. Vereinzelt sieht man noch Leute vom \/ zum Feld mit dem Rad fahren aber im Grunde scheint das Fahrrad aus dem Alltagsleben sich langsam zu verabschieden. Die Alternative, die ohrenbet\u00e4ubend lauten dreir\u00e4drigen Gef\u00e4hrte dienen nun als Transport- und Arbeitsger\u00e4te.<br \/>\nAls ich am sp\u00e4ten Nachmittag durch Dangxi radelte fuhr ich am Stadtrand entlang einer gerade im Entstehen befindlicher &#8220;Autostadt&#8221;. Hier reiht sich Autohaus an Autohaus. S\u00e4mtliche nur vorstellbare Automarken sind dabei vertreten. Da wird auch dem letzten Zweifler bewusst, dass sich China voll auf das Auto konzentriert. Wohin wird das f\u00fchren, wenn bald in jedem Haushalt Chinas sich ein Auto befindet?<br \/>\nAls ich Nachmittags \u00fcber die l\u00f6chrige Bundesstra\u00dfe holperte, ging es vorbei an einer Gruppenansammlung Jugendlicher, die alle darauf warteten, ein paar Meter mit dem Fahrschulauto zu fahren. Da sitzen ungelogen \u00fcber 50 Jugendliche am Stra\u00dfenrand und warten darauf, dass eines der zehn Fahrschulautos frei wird. Scheinbar war heute mal Training in freier Wildbahn angesagt, denn bisher hatte ich neben der Stra\u00dfe immer wieder recht gro\u00df angelegte \u00dcbungspl\u00e4tze f\u00fcr Fahranf\u00e4nger gesehen. Das vorsorgliche Hupen wird anscheinend schon im Fahrschulunterricht antrainiert. Als ich an den ganzen Fahrschulautos vorbeifuhr konnte ich zumindest einige Male beobachten, wie der Fahrschullehrer dem Fahrer zuredet und direkt darauf gehupt wurde. Das ist vielleicht einer der Punkte, die das Fahren auf der Bundesstra\u00dfe recht anstrengend machen, das dauernde Hupen. Irgendwann kann man schon nicht mehr unterscheiden, ob es nur ein vorsorgliches Signal ist, oder ob es wirklich eng wird. Zum Gl\u00fcck kann ich die Situation meist \u00fcber den R\u00fcckspiegel ganz gut einsch\u00e4tzen.<br \/>\nKurz hinter Dangxi taucht die Stra\u00dfe in ein recht sch\u00f6nes Seitental ein. Es ist zwar erst kurz vor 18 Uhr, aber bei dem Panorama muss ich einfach stehenbleiben und mir einen Zeltplatz suchen. Die Stra\u00dfe folgt in einiger H\u00f6he einem ehemaligen Flusstal. Die H\u00e4nge sind durchgehend terrassiert, stellenweise bereits abgeerntet, stellenweise steht noch der Mais, oder das Getreide. Eine dieser Terrassen wird f\u00fcr heute mein Schlafplatz. Der Blick, tief hinein ins vor mir liegende Tal ist faszinierend. Ich h\u00e4tte mir nicht tr\u00e4umen lassen, dass ich in China noch einmal einen Zeltplatz mit derart sch\u00f6nem Ausblick finden werde. Na gut, ein wenig st\u00f6rt die Idylle der L\u00e4rm von der gegen\u00fcberliegenden Autobahn, aber da hatte ich schon viel lautere Schlafpl\u00e4tze. Zum Gl\u00fcck konnte ich in Dangxi noch mal meine Wasservorr\u00e4te aufstocken. Die abendliche Dusche war zwingend n\u00f6tig um die dicke Staubschicht von Armen und Beinen abzuwaschen.<\/p>\n<h2>Tag 196 &#8211; 15.August<\/h2>\n<p>10km hinter Dingxi &#8211; kurz hinter Luomen: 130km; 6:16h im Sattel; 17 &#8211; 29 Grad, wechselhaft<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Nachts fiel die Temperatur seit langem einmal wieder in den einstelligen Bereich. Dementsprechend tropfnass war das Zelt dann auch am Morgen. Aber es schien ein regenfreier Tag zu werden, demnach sprach nichts dagegen, das Zelt irgendwo Mittags zum trocknen aufzustellen.<br \/>\nDie vor mir liegende Strecke war traumhaft sch\u00f6n. Mehr oder weniger am Kamm entlang kletterte bis auf knapp 2200m hinauf und konnte zu beiden Seiten die unter mir liegenden terrassierten H\u00e4nge bewundert. Trotz bedecktem Himmel leuchten mir die Terrassen in unterschiedlichsten Gr\u00fcn-, Gelb- und Braunt\u00f6nen entgegen. Hier steht noch Handarbeit am Programm. Aufgrund der schweren Zug\u00e4nglichkeit und der teilweise recht beschr\u00e4nkten Gr\u00f6\u00dfe macht maschinelle Landwirtschaft hier auch keinen Sinn. Esel oder K\u00fche werden zumindest beim Pfl\u00fcgen hinzugezogen. Auffallend ist, dass man auf den einzelnen Terrassen meist nur eine einzige Person arbeiten sieht. Liegt es an der Familienstruktur in China, dass nicht mehr Leute bei der Feldarbeit zur Hand gehen k\u00f6nnen? Langsam, aber stetig wird gearbeitet, wobei durchaus auffallend oft Pause gemacht wird.<br \/>\nGerade bei den Arbeiten an der Stra\u00dfe ist mir das schon seit L\u00e4ngerem aufgefallen. Egal zu welcher Tageszeit ich an einer Gruppe Stra\u00dfenarbeiter vorbeifahre, es gibt immer ein paar, die abseits sitzen, Tee trinken, telefonieren oder miteinander quatschen. Ein wenig verwundert mich, dass \u00fcberproportional viele Frauen bei den Stra\u00dfenarbeitern oder auf Baustellen arbeiten. Dabei \u00fcbernehmen sie nicht unbedingt, wie man vielleicht vermuten k\u00f6nnte, die leichten Arbeiten. Man sieht die Frauen oft am Presslufthammer, oder beim Ausheben von Gruben. Nur die schweren Baumaschinen werden eigentlich ausschlie\u00dflich von M\u00e4nnern gelenkt.<br \/>\nLangsam kommt die Bundesstra\u00dfe wieder nahe zur Autobahn. Die Terrassierung der L\u00f6ssh\u00e4nge geht zur\u00fcck und es gibt wieder erste Anzeichen von Industrie. Zuvor gehts aber noch durch Longxi, einen eigenartigen Ort der mehrheitlich eigentlich aus gerade im Bau befindlicher Hochhauswohnbl\u00f6cken besteht. Der bisher bestehende Ortsbereich ist relativ klein. Auch hier stelle ich mir wieder die Frage, wer soll in all diesen neu erbauten Wohnanlagen wohnen? Die Kapazit\u00e4t an neu erbauten Wohnungen \u00fcbersteigt bei Weitem die bestehende Ortsstruktur. Na gut, aber irgendeinen Zweck wird es wohl schon erf\u00fcllen.<br \/>\nIch g\u00f6nne mir in Longxi eine k\u00f6stliche Nudelsuppe und bin mal wieder erstaunt, wie g\u00fcnstig man doch zu Mittag essen kann. Nicht mal einen Euro f\u00fcr eine gewaltig gro\u00dfe Sch\u00fcssel Suppe mit frisch zubereiteten Nudeln.<br \/>\nGut gest\u00e4rkt gehts also in Runde zwei des Tages. Ich bin immer noch recht froh, die Autobahn nun endlich hinter mir gelassen zu haben. Die Fahrt durch die D\u00f6rfer ist wirklich sehr reizvoll. Im Moment wird gerade das geerntete Getreide verarbeitet. Auf den betonierten Fl\u00e4chen vor dem Haus sieht man fertig ausgedroschenes Getreide zum Trocknen ausgelegt. Mit Steinwalzen, oder mit Dreschschlegeln wird anderenorts erst noch das geerntete Getreide bearbeitet. Manche Familien nehmen sich den Autoverkehr zur Hilfe und breiten einfach das Getreide auf der Bundesstra\u00dfe aus und lassen die Autos dar\u00fcberfahren. Wieder woanders wird mit verschiedenen Sieben, oder unter Zuhilfenahme des Windes die finale Feinarbeit angegangen. Ein bisschen eigenartig ist es aber schon, wenn einerseits mit dem Smartphone telefoniert wird und gleichzeitig mit relativ alter Technik Getreide verarbeitet wird. Aber eben diese Gegens\u00e4tze pr\u00e4gen offenbar das China von heute. Einerseits geht man mit der Technik, andererseits bleibt man Gewohntem treu.<br \/>\nImmer noch reagieren die Leute sehr erstaunt, wenn sie mich kommen sehen. Seit Kurzem habe ich aber den Eindruck, dass man ein wenig interessierter und aufgeschlossener reagiert. Immer \u00f6fter wird mein Gr\u00fc\u00dfen erwidert und ich bekomme schon auch mal ein L\u00e4cheln zur\u00fcck. Zum ersten Mal seit ich in China bin wurde ich heute sogar mehrfach von Weitem begr\u00fc\u00dft.<br \/>\nLaut online Reisef\u00fchrer gibt es in der N\u00e4he von Luomen einen sehenswerten Ort. Nachdem ich erst am sp\u00e4ten Nachmittag in Luomen ankomme, beschlie\u00dfe ich die Besichtigung der &#8220;water curtain caves&#8221; auf morgen zu vertagen und suche mir nur wenige Kilometer entfernt einen sch\u00f6n ruhigen Platz zum \u00fcbernachten. Traumhaft &#8211; endlich einmal wieder ein Zeltplatz ganz ohne permanenten Verkehrsl\u00e4rm. Die Grillen zirpen und in den umliegenden Orten wird immer wieder mal ein Feuerwerk abgelassen. Am eigentlich bedeckten Himmel zuckt es immer wieder hell auf und etwas zeitverz\u00f6gert h\u00f6rt man dann auch das Krachen der Raketen.<\/p>\n<h2>Tag 197 &#8211; 16.August<\/h2>\n<p>Luomen &#8211; 25km vor Tianshui: 82km; 4:21h im Sattel; 20 &#8211; 32 Grad, wechselhaft<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Nach nur 30min Fahrt war ich auch schon am Eingang zum &#8220;Scenic Spot&#8221;, so wie es immer auf den Hinweistafeln steht. Die water curtain caves, oder auch Shui Lian Dong genannt. So wirklich einen Plan hatte ich nicht, was mich da erwartet. Im Netz hatte ich nur ein Bild von einem recht gro\u00dfen Wandgem\u00e4lde \/ Fresko gesehen, also lie\u00df ich mich mal \u00fcberraschen. Mal wieder umsteigen in den Shuttle-Bus und gut drei Kilometer entlang eines ausgetrockneten Flussbettes immer tiefer hinein in die immer h\u00f6her werdenden Sandsteinh\u00fcgel. Nach ein paar Minuten Fahrt dann Endstation. Von nun an zu Fu\u00df weiter&#8230; Viel war noch nicht los, aber es war ja auch erst kurz vor neun Uhr.<br \/>\nSehr beeindruckend dieses riesengro\u00dfe Wandgem\u00e4lde (La Shao Si). Die etwas \u00fcberh\u00e4ngende Wand wurde mit Lehm verputzt und darauf entweder Gem\u00e4lde aufgebracht, oder auch reliefartig Buddafiguren aus der Wand herausgearbeitet. \u00dcberall verteilt auf der Felswand sieht man kleinere und gr\u00f6\u00dfere Skulpturen im Fels.<br \/>\nDoch woher kommt jetzt der Name Water Curtain Caves? Das R\u00e4tsel l\u00f6st sich, wenn man dem vorgegebenen Pfad folgt und die gegen\u00fcberliegende Felswand erklimmt. Nach ein paar Minuten erreicht man dann eine Tempelanlage die unter einer gro\u00dfen \u00fcberh\u00e4ngenden Felsformation erbaut wurde. Vor allem im Fr\u00fchjahr, wenn es zu viel Regen kommt, verschwindet ein Teil der Tempelanlage hinter einem Wasservorhang. Gut. jetzt ist dieser Punkt auch gekl\u00e4rt&#8230;<br \/>\nMit chinesischen Tempelanlagen bin ich ja nicht so sehr vertraut. Ich kann nur die Orte auf mich wirken lassen und da muss ich sagen, dass das ganze Ensemble eine erstaunlich beruhigende Wirkung auch mich hat. Man f\u00fchlt sich richtig wohl in Mitten der fast senkrecht aufragenden Sandsteinw\u00e4nde.<br \/>\nDie gut 8km bis Luomen muss ich nun wieder zur\u00fcckradeln, aber nachdem es den ganzen Weg bergab geht, f\u00e4llt das schon mal recht leicht. Ich bleibe weiterhin auf der Bundesstra\u00dfe, lasse die Autobahnauffahrt links liegen und radle nun mitten durch den Gem\u00fcsegarten. Auberginen, Tomaten, Paprika, Kohl, Salat&#8230; alles was das Herz begehrt wird neben der Stra\u00dfe angebaut. Momentan ist offenbar gerade Erntezeit f\u00fcr Jungzwiebel und den noch nicht bl\u00fchenden Knoblauch. Ein leicht scharfer Geruch von Zwiebel \/ Knoblauch liegt in der Luft. Das sauber geputzte Gr\u00fcn wird in gro\u00dfe Plastiks\u00e4cke verpackt und dann ziemlich oft umgeladen. Vom Handkarren zum Dreiradmoped, von dort dann zum Kleinlaster und dann wieder weiter auf den gro\u00dfen LKW. Jetzt geht die Ernte wirklich auf die Reise&#8230; Ziemlich viele H\u00e4nde waren bis dahin im Spiel, wenn man davon ausgeht, dass jeder dabei ein bisschen was verdient, dann bleibt f\u00fcr den Bauern, der geerntet hat vermutlich nicht viel \u00fcbrig.<br \/>\nAm fr\u00fchen Nachmittag erreiche ich Gangu und g\u00f6nne mir mal wieder eine super leckere Nudelsuppe. Speisekarten mit Bildern gibts eigentlich nur recht selten, daher muss ich heute mal wieder blind auf ein Gericht tippen, wurde aber auch diesmal nicht entt\u00e4uscht. Die Vorfreude ist oft die gr\u00f6\u00dfte Freude. Man sitzt am Tisch und beobachtet die Nachbartische, was da so alles verzehrt wird. Was wird es wohl dieses Mal f\u00fcr mich werden? Immerhin habe ich seit ich in China bin erst zweimal dasselbe Gericht gegessen, so etwas passiert einem in anderen L\u00e4ndern nicht so leicht. Zum ersten Mal gabs heute zum Essen eine Schale Nudelwasser statt dem bisher bekannten Tee. Um ehrlich zu sein, bevorzuge ich aber den Tee als Beigetr\u00e4nk&#8230;<br \/>\nJetzt kann man es nicht mehr verleugnen&#8230; die Leute haben sich ver\u00e4ndert, ich werde definitiv anders wahrgenommen. Noch vor ein paar Tagen erstarrten die Meisten in ihrer T\u00e4tigkeit und blickten mich ungl\u00e4ubig, fast entsetzt an, jetzt werde ich immer \u00f6fter mit einem L\u00e4cheln begr\u00fc\u00dft. Neugierig ist man zwar immer noch, aber das verstehe ich ja. Zum ersten mal gesellen sich jetzt auch ein paar Burschen zu mir und wollen wissen, woher ich komme und was es mit dem schweren Rad auf sich hat. Nachdem der Erste mich angesprochen hat, tummeln sich gleich ein paar mehr um mich herum. Die erste H\u00fcrde ist offenbar genommen.<br \/>\nAber es kommt noch besser&#8230; Von Gangu aus gehts mal wieder \u00fcber einen der vielen H\u00fcgel hinauf. Zwar nur 400 H\u00f6henmeter am St\u00fcck, aber bei der Nachmittagssonne durchaus schwei\u00dftreibend. Auf ungef\u00e4hr halber Strecke n\u00e4hert sich ganz langsam von hinten eines der vielen Dreiradmopeds. Der Fahrer winkt mir freundlich zu und bleibt dann ein paar hundert Meter \u00fcber mir stehen. Zuerst m\u00f6chte er mir eine Zigarette anbieten, nachdem ich diese aber ablehnen muss, greift er umgehend unter die dicke Decke auf seiner Ladefl\u00e4che und zaubert ein Eis aus einer der vielen Kisten. Er ist gerade auf dem Weg zu einem der D\u00f6rfer am H\u00fcgel um dort den Laden mit neuem Eis zu beliefern.<br \/>\nNa, so gef\u00e4llt mir das&#8230;<br \/>\nOffenbar hat sich jetzt die Bodenbeschaffenheit ver\u00e4ndert. Der Gem\u00fcseanbau tritt in den Hintergrund, statt dessen stehen nun Obstb\u00e4ume auf den Terassen. \u00c4pfel und Birnen h\u00e4ngen erntereif am Baum. Viele der \u00c4pfel sind einzeln in Papiert\u00fcten verpackt, wozu das dienen soll ist mir noch nicht ganz klar.<br \/>\nMacht Obst gl\u00fccklich? Die Leute in den D\u00f6rfern machen auf mich auf alle F\u00e4lle einen sehr ausgeglichenen Eindruck. Es wird viel gelacht, man sitzt in Gruppen zusammen und plaudert und immer wieder winkt man mir freundlich zu.<br \/>\nDass sich der landschaftliche Wandel auch so stark in der Mentalit\u00e4t der Menschen widerspiegelt h\u00e4tte ich mir nicht gedacht. Ich bin auf alle F\u00e4lle froh, die ganze Strecke von Kasachstan bis hierher auf den eigenen zwei R\u00e4dern zur\u00fcckgelegt zu haben. Viele Radreisende w\u00e4hlen f\u00fcr die zerm\u00fcrbende Strecke im Westen den Bus, oder den Zug, aber ich glaube nicht, dass man auf diese Weise den Wandel von Land und Leuten so eindrucksvoll miterleben kann. Ich habe auf jeden Fall den Eindruck nun in einem China angekommen zu sein, das mir weit aufgeschlossener und freundlicher gegen\u00fcbersteht. Bald steht die Visaverl\u00e4ngerung an und ich freue mich jetzt schon auf Runde zwei&#8230;<br \/>\nHeute ist Samstag und eigentlich k\u00f6nnte ich schon in Tianshui einrollen, doch ich beschlie\u00dfe noch eine Nacht im Zelt zu verbringen und dann am Sonntag Vormittag in Tianshui einzuchecken. Ich hoffe, dass die Visumsverl\u00e4ngerung am Montag ohne gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten \u00fcber die B\u00fchne geht.<\/p>\n<h2>Tag 198 &#8211; 17.August<\/h2>\n<p>25km vor Tianshui &#8211; Maijisahn: 85km; 4:38h im Sattel; 22 &#8211; 29 Grad, bedeckt<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Allzu fr\u00fch wollte ich heute ohnehin nicht in Tianshui einrollen, also g\u00f6nnte ich mir noch eine extra Stunde Schlaf und wechselte dann endlich auch wieder einmal die Kette. Das gute St\u00fcck wird wohl zum letzten Mal im Einsatz gewesen sein. 3300km waren es zum Abschluss. Das mittlere Kettenblatt zeigt jetzt auch schon deutliche Abnutzungserscheinungen. Ich hoffe, dass es mich noch bis nach Hause bringt. Zuk\u00fcnftig muss ich wohl mehr mit dem kleinen, oder dem gro\u00dfen Blatt fahren, um das mittlere ein wenig zu schonen. Aber ein bisschen Abnutzungserscheinungen sind nach der Distanz auch legitim.<br \/>\nApropos Distanz &#8211; Heute wurde das dritte Viertel vollgemacht. 15.000 Kilometer habe ich mich nun schon in Richtung Osten bewegt und bin immer noch nicht am Meer angekommen. In mancher Hinsicht ist die Welt gr\u00f6\u00dfer als man denkt. Ich kann das Meer zwar noch nicht riechen, aber allzuweit ist es jetzt auch nicht mehr. Noch knapp vier Wochen, dann ist die Landpartie zu Ende.<br \/>\nZu meiner gro\u00dfen \u00dcberraschung bekam ich heute sogar noch Gesellschaft beim Radeln. Gestern waren mir ja einige chinesische Radler begegnet und heute kommt einer von ihnen wieder zur\u00fcck. Ren Kan spricht perfekt Englisch und erkl\u00e4rt mir, dass er irgendwie den Weg verloren hat und jetzt nach Tianshui zur\u00fcckradelt, um von dort aus dann wieder neu zu starten. So ganz schlau bin ich aus der Geschichte nicht geworden, aber manchmal hat zu intensives Nachfragen auch keinen Sinn. Wir radeln gem\u00fctlich die knapp 15km bis nach Tianshui gemeinsam und unterhalten uns ein wenig \u00fcbers Reisen. Die meisten chinesischen Radreisenden sind ohne Zelt unterwegs. Auch Ren Kan \u00fcbernachtet eigentlich immer in einem Hotel. Bei den Preisen aber auch kein Wunder. Gestern hatte er z.B. f\u00fcr 20 Yuan, also nicht einmal 3 EUR \u00fcbernachtet. Das sind eben diese Hotels in die Ausl\u00e4nder nicht reinkommen. Ich muss dann in ein paar Kategorien h\u00f6her ausweichen&#8230; Mit ein Grund, weshalb eigentlich nicht im Zelt \u00fcbernachtet wird ist aber haupts\u00e4chlich die Vorstellung, dass es zu gef\u00e4hrlich ist. \u00dcberhaupt ist ziemlich vieles sehr gef\u00e4hrlich in China. Die Stra\u00dfen, der Verkehr, die Natur&#8230; Es wird einem scheinbar anerzogen vorsichtig, wenn nicht sogar \u00e4ngstlich zu sein.<br \/>\nIn Tianshui wollte ich mir eigentlich zuerst ein Hotel suchen und dann mit Ren Kan was essen gehen, doch irgendwie bestand er darauf, erst nach dem PSB (dem Public Security Bureau, das f\u00fcr die Visaverl\u00e4ngerung zust\u00e4ndig ist zu suchen. Die Adresse, die ich mir im Internet rausgesucht hatte war offenbar veraltet, aber nach mehrmaligem Nachfragen bei Passanten fanden wird dann den Weg. Zu meiner Verwunderung war das B\u00fcro sogar besetzt, obwohl Sonntag war. Nun hatte es sich ausgezahlt, dass ich noch kein Hotel gesucht hatte, denn im PSB erfuhr ich, dass ich zur Visaverl\u00e4ngerung in Tianshui mindestens 7 Tage registriert sein muss. Man empfahl mir, nach Xi\u00b4an weiterzufahren, weil es dort die Verl\u00e4ngerung binnen eines Tages gibt. So wie es aussieht gibt es immer dort die Verl\u00e4ngerung relativ flott, wo auch mehr Touristen verkehren. Tianshui ist nicht unbedingt der Touristenmagnet, daher die besonders lange Wartezeit. Nachdem auch nach mehrmaligem Nachfragen nichts zu machen war, zog ich wieder von dannen. Zum Gl\u00fcck liege ich noch gut in der Zeit. Bis zum 22.August habe ich noch Zeit das Visum zu verl\u00e4ngern und bis Xi\u00b4an sind es noch gut 360km. Sollte terminlich also alles zu machen sein.<br \/>\nJetzt wird also alles auf eine Karte gesetzt, aber so wie die Mitarbeiter im PSB in Tianshui reagiert hatten, scheint es in Xi\u00b4an nicht sonderlich schwierig zu sein, die Verl\u00e4ngerung zu bekommen.<br \/>\nMit Ren Kan ging ich dann trotzdem noch was essen, doch danach trennten sich unsere Wege. Er fuhr dieselbe Strecke wieder zur\u00fcck, die er gestern schon geradelt war und ich versuchte noch heute die Top Sehensw\u00fcrdigkeit von Tianshui zu erreichen. Vom Chinesischen Tourismusverband mit AAAAA bewertet &#8211; ob es \u00fcberhaupt mehr als 5xA gibt, wage ich zu bezweifeln. Die Maiji shan Grotten z\u00e4hlen mit zu den bedeutendsten Sehensw\u00fcrdigkeiten in der gesamten Provinz, dementsprechend viel Betrieb herrschte dann auch. Ich kam zwar erst um kurz nach 16 Uhr an, hatte aber noch genug Zeit, mir das ganze Spektakel in Ruhe anzusehen. Es ging mal wieder mit dem Bus hoch auf den Berg. Diesmal h\u00e4tte man auch zu Fu\u00df gehen k\u00f6nnen, doch nachdem ich ohnehin knapp in der Zeit war und bereits 25km bergauf geradelt war, entschied ich mich f\u00fcr den Bus.<br \/>\nIch reihe mich also ein in die Masse aufgeregter chinesischer Tagestouristen und bestaune den monolithisch aufragenden Berg, der auf einer Seite mit unz\u00e4hligen Buddhastatuen, Wandgem\u00e4lden und H\u00f6hlen \u00fcbers\u00e4ht ist. Die \u00e4ltesten H\u00f6hlen gehen bis ins 5.Jahrhundert zur\u00fcck. Schon faszinierend, wenn man bedenkt, was die Leute damals so alles auf die Beine gestellt haben. Mir wird jetzt schon ganz schwindelig, wenn ich \u00fcber die unz\u00e4hligen Treppen in luftiger H\u00f6he entlang der Felswand wandle. Die meisten Statuen, oder Grotten kann man nur bedingt besichtigen, weil sie hinter feinmaschigem Gitter vor den neugierigen H\u00e4nden der Besucher gesch\u00fctzt sind. Manche der Grotten quellen geradezu \u00fcber vor Geldscheinen, die die Touristen durch die Gitter stecken. Geldspenden sind bei Tempeln in China ja immer ein gro\u00dfes Thema. Weshalb manche Grotten nun so besonders begehrt sind, das entzieht sich meiner Kenntnis.<br \/>\nIch lasse mich einfach nur von der Kunstfertigkeit und der ausserordentlichen Lage beeindrucken. Schon alleine der Blick hinein in die dicht bewaldeten H\u00fcgelketten ist traumhaft. Nur mit der Art der Vermarktung derart beeindruckender Pl\u00e4tze habe ich noch meine Schwierigkeiten. In Ermangelung spezieller Souvenirs wird entlang der Stra\u00dfe einfach alles m\u00f6gliche verkauft. Steinschleudern, Gummischlangen, Cowboyh\u00fcte, Armbr\u00fcste etc. Klimbim, Kitsch und Unn\u00fctzes wohin man schaut, aber es wird fleissig gekauft.<br \/>\nZu sehen g\u00e4be es hier in der Gegend offenbar noch einiges mehr, viele Wegweiser zu verschiedenen &#8220;Scenic Spots&#8221; sind zu sehen, doch ich habe vorerst mal genug und konzentriere mich jetzt auf den n\u00e4chsten Meilenstein Xi\u00b4an. Ab und an ist es ja ganz nett, speziell zu einem Ort zu fahren, um dort etwas zu sehen, doch jetzt m\u00f6chte ich mich wieder davon \u00fcberraschen lassen, was es auf der Strecke so zu sehen gibt.<br \/>\nDen ganzen Tag \u00fcber hatte es jetzt schon nach Regen ausgesehen. Als ich bei den Maiji shan Grotten war, kam dann aber die Sonne hinter den Wolken hervor. Gerade als ich das Zelt aufstellen wollte, ging es dann aber doch noch los&#8230; Bin gespannt, ob ich morgen Gl\u00fcck habe und trockenen Fu\u00dfes starten kann<\/p>\n<h2>Tag 199 &#8211; 18.August<\/h2>\n<p>Maijishan &#8211; ca. 45km vor Baoji: 137km; 6:12h im Sattel; 20 &#8211; 34 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hatte der Regen \u00fcber Nacht aufgeh\u00f6rt. Trotzdem musste ich ein tropfnasses Zelt einpacken, aber die Chancen standen gut, es im Laufe des Tages irgendwo zum Trocknen aufzustellen. Meinen fr\u00fchen Start bremsten dann in Maiji zwei mysteri\u00f6se L\u00f6cher im Hinterrad ein, aber danach gings dann pannenfrei weiter. Das heutige Streckenprofil mit einem Wort beschrieben: wellig&#8230;<br \/>\nDie Autobahn verl\u00e4uft ab Maiji in einem anderen Tal, bzw. bohrt sie sich recht h\u00e4ufig einfach durch die Berge. Ich hatte mich f\u00fcr die um einiges l\u00e4ngere, aber daf\u00fcr landschaftlich zauberhafte Bundesstra\u00dfe entschieden. Die Stra\u00dfe verl\u00e4uft entlang eines recht breiten Flussbettes, das sich in unz\u00e4hligen Windungen immer tiefer in ein Labyrinth aus steil aufragender, dicht bewaldeter H\u00fcgel. Der H\u00f6henunterschied bis zu den Gipfeln betr\u00e4gt oft einige hundert Meter. Man kann sich gar nicht sattsehen an dieser faszinierenden Landschaft.<br \/>\nAnfangs gibt es noch recht viel Landwirtschaft neben der Stra\u00dfe. Vor allem \u00c4pfel und Birnen sieht man an den B\u00e4umen h\u00e4ngen. Dazwischen immer wieder allerlei Gem\u00fcse, einige Nussb\u00e4ume, hie und da eine Pfirsichgarten. Nach und nach verschwinden die Obstb\u00e4ume und an ihre Stelle treten immer mehr Pfefferstr\u00e4ucher &#8211; zumindest vermute ich, dass es sich um Pfeffer handelt. In den D\u00f6rfern sind die Fr\u00fcchte in der Sonne zum Trocknen ausgelegt. Mit weiten K\u00f6rben in der Hand sieht man die Leute am Stra\u00dfenrand wie sie die Str\u00e4ucher abernten. Bei Gelegenheit muss ich mal eruieren, ob es sich wirklich um Pfeffer handelt. Zumindest vom Geruch her h\u00e4tte ich darauf getippt. In Natura habe ich aber noch nie eine Pfefferstaude gesehen.<br \/>\nSonderlich dicht besiedelt ist das Gebiet hier nicht, geht ja auch nicht wirklich, da abseits des hie und da etwas breiteren Flussbett die Berge fast senkrecht in die H\u00f6he ragen. Dank des ziemlich geringen Verkehrsaufkommens l\u00e4sst es sich wirklich sehr entspannt radeln, auch wenn es stets viel rauf und runter geht. Manchmal hat man das Gef\u00fchl, man befindet sich mitten im tiefsten Urwald, so laut sind die Ger\u00e4usche, die aus den B\u00e4umen kommen. Es wird gezirpt, ges\u00e4gt, gefiept, getrillert, gekr\u00e4chzt und alles in einer Lautst\u00e4rke, dass teilweise sogar der Verkehrsl\u00e4rm \u00fcbertroffen wird.<br \/>\nImmer wieder bleibe ich stehen und lasse meinen Blick \u00fcber die fast punktf\u00f6rmig endenden Bergspitzen schweifen. Auch wenn die Bundesstra\u00dfe gut 60km mehr Strecke bedeutet, die Szenerie ist jeden Kilometer wert.<br \/>\nMittags treffe ich beim Einkehren auf drei chinesische Motorradreisende, die mich gleich zu sich an den Tisch winken und schlussendlich noch zum Essen einladen. Ihnen gefiel die Geschichte so gut, dass ich von Deutschland aus nach China geradelt bin, dass sie mich auf keinen Fall f\u00fcr mein Essen bezahlen lassen wollten. Der Wirtin kam das Ganze wohl etwas eigenartig vor, aber wenn es nach ihr gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte ich vermutlich gar nichts zum Essen bekommen. Bei meinen Kurzbesuch in der K\u00fcche hatte sie mir nur mit Kopfsch\u00fctteln versucht zu erkl\u00e4ren, dass es nichts mehr zu essen g\u00e4be&#8230; Viel war ja nicht los im Ort, aber die drei Motorradfahren hatten mir somit zu einem mehr als ausgiebigen Mittagsschmaus verholfen.<br \/>\nNach knapp 100km ohne Kontakt zur Autobahn traf diese nun wieder mit der Bundesstra\u00dfe zusammen. Bisher hatte man sich das Flusstal nur mit zwei Eisenbahnlinien geteilt, die meist \u00fcberhalb der Bundesstra\u00dfe durch recht viele Tunnels verliefen. Die Autobahn nun auch wieder aufgest\u00e4ndert und so hie\u00df es &#8220;durchtauchen&#8221; durch teilweise vier Verkehrswege \u00fcberhalb der Bundesstra\u00dfe. Doch immer wieder verschwanden die schnellen Verkehrsadern wieder im Berg und man war wieder alleine, nur die Stra\u00dfe und der Fluss. Von den Seitent\u00e4lern floss immer wieder mal klares Wasser in den sonst recht br\u00e4unlichen Fluss. Klares Wasser, das habe ich jetzt schon seit L\u00e4ngerem nicht mehr gesehen. Ich muss schon sagen, die Landschaft hier hat wirklich einen sehr besonderen Reiz.<br \/>\nAuch die Leute reagieren zum gr\u00f6\u00dften Teil recht freundlich und machen auch einen ganz entspannten Eindruck. Von mir aus h\u00e4tte der Tag ewig so weitergehen k\u00f6nnen, aber die Schatten wurden schon immer l\u00e4nger und somit war es Zeit, ein geeignetes Pl\u00e4tzchen f\u00fcr die Nacht zu finden.<br \/>\nFrisch geduscht kam dann der gro\u00dfe Moment&#8230; meine Stra\u00dfenkarte von China musste gewendet werden. Es mag eigenartig wirken, aber irgendwie f\u00fchlte sich das speziell an. Was hinter Tianshui kam, wusste ich bisher nur im Groben. Jetzt sieht man auf der Karte schon den Endpunkt des Chinaabenteuers. Bis heute war am Rand meiner Karte nur ein Ort in der Mitte des Landes zu sehen, jetzt sieht man schon die K\u00fcste und die angrenzenden L\u00e4nder. Und eines wird auch ziemlich deutlich&#8230; es wird alles ein wenig dichter werden. Stra\u00dfen \u00fcber Stra\u00dfen&#8230; bin gespannt, ob sich da noch ein paar ruhige T\u00e4ler finden lassen.<br \/>\nDass es neuerdings schon um acht Uhr dunkel wird, verk\u00fcrzt die aktive Zeit am Rad schon ein wenig. Wenn ich daran denke, dass an meinen ersten Tagen in China es erst nach zehn Uhr dunkel wurde&#8230; Jeden Tag, den ich weiter nach Osten radle werden es ein paar Minuten weniger, die mir der Tag zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<h2>Tag 200 &#8211; 19.August<\/h2>\n<p>45km vor Baoji &#8211; kurz hinter Changxingzhen: 106km; 5:04h im Sattel; 17 &#8211; 34 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>F\u00fcr ein paar Kilometer ging es heute landschaftlich in \u00e4hnlicher Manier weiter wie gestern, doch auch die sch\u00f6nste Etappe hat einmal ein Ende. Es mussten immer mehr Tunnels durchquert werden und schon bald war klar, dass ich die so wundersch\u00f6n verschachtelten H\u00fcgel hinter mir lassen muss.<br \/>\nF\u00fcr die Mittagszeit hatte ich mich mit Yulin Miao, einem Warmshowers Kontakt in Baoji verabredet. Yulin hatte drei Jahre in England studiert, war dort auch oft mit dem Rad f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Touren unterwegs und versucht nun ein wenig von der Gastfreundschaft, die er bei seinen Touren erleben konnte, weiterzugeben. Allzuoft kommt er aber nicht in die Verlegenheit, Radreisende bei ihm einzuquartieren. Nach eigenen Aussagen war zum letzten Mal im Herbst 2013 ein polnisches P\u00e4rchen bei ihm. Kurz hatte ich \u00fcberlegt, ob ich eine Nacht in Baoji verbringen sollte, hatte mich dann aber dagegen entschieden, um rechtzeitig f\u00fcr die Visaverl\u00e4ngerung in Xi\u00b4an sein zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Versorgung mit qualitativen Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nden f\u00fcr Radreisende war bis vor kurzem noch recht schwierig, jetzt gibt es nach Auskunft vorn Yulin neben der M\u00f6glichkeit, \u00fcbers Internet Material zu beziehen auch schon ein paar Privatinitiativen, die sich auf den Import aus Europa und Amerika spezialisiert haben. Dennoch m\u00fcssen sich die meisten chinesischen Radreisenden mit teilweise recht mangelhafter Qualit\u00e4t rum\u00e4rgern.<br \/>\nNun wei\u00df ich auch endlich, um welche Pflanze es sich handelt, die ich zuerst als Pfeffer eingeordnet hatte. Man kann die Fr\u00fcchte zwar auch zum W\u00fcrzen verwenden, Pfeffer ist es aber nicht. Es handelt sich um &#8220;Go Ji&#8221;, das vielerlei Anwendungen findet, aber im Grunde f\u00fcr die innere Balance zust\u00e4ndig ist.<br \/>\nEin wenig schmunzeln musste ich, als ich mich mit Yulin ein wenig \u00fcbe die Komplexit\u00e4t der chinesischen Sprache unterhielt. Er meinte, dass man ja nur ca. zwei- bis dreitausend Zeichen beherrschen muss, um einigerma\u00dfen gut um die Runden zu kommen. Wie fundiert diese Zahl ist, kann ich jetzt nat\u00fcrlich nicht sagen, ich bin ja schon mit den vier Tonlagen \u00fcberfordert. Und dann kommen noch die Dialekte hinzu, aber die konzentrieren sich zumindest auf die einzelnen Provinzen. Innerhalb einer Provinz wird zumindest derselbe Dialekt gesprochen. Na, das ist ja schon mal eine gro\u00dfe Erleichterung&#8230;<br \/>\nSeit heute habe ich \u00fcbrigens die Provinz Gansu verlassen und befinde mich nun in Shaanxi, deren Hauptstadt Xi\u00b4an ich hoffentlich morgen erreichen werde.<br \/>\nEs war richtig angenehm, mal wieder entspannt plaudern zu k\u00f6nnen, ein wenig \u00fcber Land und Leute zu erfahren und ein bisschen \u00fcbers Reisen an sich zu quatschen. Mein Eindruck hatte nicht get\u00e4uscht, die Mobilit\u00e4t und auch das \u00fcberregionale Interesse der Chinesen ist nicht sonderlich gro\u00df. Yulin schlie\u00dft sich dabei selbst mit ein. In seiner Provinz kennt er sich recht gut aus, aber was ausserhalb der Provinzgrenzen zu sehen ist, das kennt er meist nur aus Erz\u00e4hlungen von Freunden. Im Grunde kann man aber auch die Provinzen in China fast mit den einzelnen L\u00e4ndern in Europa vergleichen, zumindest vom Ma\u00dfstab her kommt das teilweise hin. Mich fasziniert die Vorstellung noch immer, dass man fast dreitausend Kilometer radeln kann und in der Zeit nur zwei Provinzen eines gewaltig gro\u00dfen Landes durchquert.<br \/>\nNun gut, ab heute also Provinz Nr. drei&#8230; Landschaftlich ist der Bruch relativ hart. Raus aus der nur sp\u00e4rlich besiedelten H\u00fcgellandschaft hinein in ein sehr dicht besiedeltes Flachland. Mal wieder haupts\u00e4chlich Mais neben der Stra\u00dfe und am Horizont immer wieder Hochh\u00e4user in Orten, die auf meiner Karte nicht einmal verzeichnet sind. Keine Frage, die Besiedelungsdichte nimmt dramatisch zu. Solange es aber noch Felder neben der Stra\u00dfe gibt, findet sich auch immer noch ein Platz zum Zelten.<br \/>\nMorgen noch einen ganzen Tag strampeln, dann g\u00f6nne ich mir ein paar Tage Auszeit in Xi\u00b4an. Eine ordentliche Dusche und vor allem eine Waschmaschine &#8211; darauf freue ich mich jetzt schon ganz besonders. Der 200ste Tag meiner Reise geht zu Ende. Ein gewaltiges St\u00fcck Weg liegt jetzt schon hinter mir. Nach anf\u00e4nglichen Schwierigkeiten habe ich mich nun auch langsam mit dem Radeln in China anfreunden k\u00f6nnen und hoffe nun, dass ich auch von offizieller Seite die Erlaubnis f\u00fcr Runde zwei in China bekomme.<\/p>\n<h2>Tag 201 &#8211; 20.August<\/h2>\n<p>Kurz hinter Changxingzhen &#8211; Xi\u00b4an: 126km; 5:30h im Sattel; 20 &#8211; 35 Grad, Sonne<br \/>\nHostel<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen Morgenstunden gings heute bei windstillen Verh\u00e4ltnissen durch den schon fast zur Gewohnheit gewordenen Morgendunst. Hier in der Gegend herrscht eine ziemlich hohe Luftfeuchtigkeit. Jeden Morgen ist das Zelt tropfnass und es ist schon einige Tage her, dass ich zum letzten Mal in trockene Klamotten geschl\u00fcpft bin. Nach ein paar Stunden Fahrt verzieht sich dann der Dunst wieder und die Sonne heizt ordentlich ein. Ich bin heute auf einer recht kleinen Nebenstra\u00dfe unterwegs die fast durchgehend von Baumreihen ges\u00e4umt ist. Im Schatten l\u00e4sst es sich recht gut radeln. Am sp\u00e4ten Vormittag ist es dann hei\u00df genug, dass das Zelt in nur einer halben Stunde aufgetrocknet ist. So langsam wird es schon zur Routine in der Fr\u00fch ein triefendes Zelt einzupacken und dann kurz vor Mittag einen ruhigen Sonnenplatz zu finden und alles wieder auftrocknen zu lassen.<br \/>\nAnfangs hatte ich den Eindruck, dass in den D\u00f6rfern gerade Hochbetrieb in der K\u00fcche herrscht. Ein s\u00fc\u00dflich scharfer Geruch nach Zwiebel und Knoblauch lag in der Luft. Gekocht wurde nicht wirklich viel&#8230; der Geruch kam aus den Hinterh\u00f6fen in denen Knoblauch in S\u00e4cke gef\u00fcllt wurde und anschlie\u00dfend per Lastenmotorrad zur zentralen Wiegestelle gefahren wurde. Ich bin immer wieder \u00fcberrascht, was gerade zum Trocknen ausgelegt ist, oder frisch geerntet weiterverarbeitet wird. Gestern waren es Waln\u00fcsse, heute sind es Maisk\u00f6rner und eben auch Knoblauch. Neben der Stra\u00dfe Mais wohin man blickt. Es wird langsam wieder etwas eint\u00f6niger, aber es sind ja auch nur mehr wenige Kilometer bis Xi\u00b4an.<br \/>\nIch bin froh, den Weg \u00fcber die teilweise recht holprige Nebenstra\u00dfe gew\u00e4hlt zu haben. Hier herrscht eigentlich recht wenig Verkehr, man f\u00e4hrt durch viele kleinere D\u00f6rfer und trifft immer wieder auf recht freundlich dreinblickende Leute. Etwa 30km vor Xi\u00b4an wirds dann wieder etwas turbulenter auf der Stra\u00dfe. Ich wei\u00df nicht, ob ich mich schon mal \u00fcber den chinesischen Verkehr ge\u00e4ussert habe. Gehupt wird ja pausenlos und bei praktisch jeder Gelegenheit. So nach und nach habe ich aber das Gef\u00fchl, dass gr\u00f6\u00dftenteils aus Unsicherheit gehupt wird. Man k\u00fcndigt sich schon von Weitem an, wenn es dann zum \u00dcberholen kommt, wird trotz immer noch anhaltendem Hupsignal ein Riesenbogen gemacht. Ich bin in meinen vier Wochen in China eigentlich noch kein einziges Mal mit geringem Abstand \u00fcberholt worden. Manchmal geht es sogar soweit, dass der Gegenverkehr abbremsen muss, weil ein Bus, oder ein PKW einen derart gro\u00dfen Bogen um mich herum macht, dass die gesamte Gegenspur in Besitz genommen wird. Grunds\u00e4tzlich ist man ohnehin nicht besonders flott unterwegs. Die Meisten nutzen ja die Elektromotorr\u00e4der und die sind bei ca. 25km\/h gedrosselt. Die Motorr\u00e4der haben auch kaum Leistung und auch bei den Autos hat man den Eindruck, dass es eine Leistungsbeschr\u00e4nkung gibt. Selbst bei brenzligen Situationen habe ich noch nie gesehen, dass so richtig beschleunigt wird. Einzig die LKWs haben offenbar wirklich was unter der Haube und das leben die Fahrer auch aus. In noch keinem anderen Land habe ich derart viele LKWs auf der \u00dcberholspur gesehen wie in China. Sind die Chinesen dazu verdammt, mit Einheitsgeschwindigkeit durchs Land zu rollen? Wenn dieses penetrante und trommelfellersch\u00fctternde Hupen nicht w\u00e4re, k\u00f6nnte man sich auf Chinas Stra\u00dfen so richtig wohl f\u00fchlen.<br \/>\nSelbst die Stadteinfahrt nach Xi\u00b4an war trotz recht dichtem Verkehr eigentlich ziemlich entspannt. Nun bin ich also wieder einmal in einer Millionenstadt. Xi\u00b4an, der Ausgangspunkt der Seidenstra\u00dfe. Es geht durch die noch erhaltene Stadtmauer hinein in den Innenstadtbezirk, der mit gut 3 Mio Einwohnern nicht unbedingt klein geraten ist. Wieviel von der alten Stadtmauer noch original ist, und was es sonst noch so alles zu sehen gibt, dazu nehme ich mir jetzt ein paar Tage Zeit. Nach vielen Tagen im Zelt checke ich mal wieder in einem Hostel ein, bin auf einen Schlag umgeben von Englisch sprechendem Personal und Backpackern aus der ganzen Welt. F\u00fcrs erste z\u00e4hlt aber nur eine Dusche und die Waschmaschine, die Stadt l\u00e4uft ja nicht davon und morgen ist auch noch ein Tag.<br \/>\nIch h\u00e4tte mir nie tr\u00e4umen lassen, dass ich nach knapp vier Wochen schon in Xi\u00b4an stehen w\u00fcrde. Der s\u00fcdlichste Punkt meiner Chinareise ist erreicht. Von nun an geht es in nord\u00f6stlicher Richtung weiter. Ob sich der &#8220;Umweg&#8221; in den S\u00fcden ausgezahlt hat, ich lasse mich \u00fcberraschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 195 &#8211; 14.August Lanzhou &#8211; 10km hinter Dingxi: 122km; 6:32h im Sattel; 21 &#8211; 30 Grad, Sonne Camping Bei strahlendem Sonnenschein ging es heute Morgen aus der Stadt. Gleich Anhieb hatte ich die richtige Ausfallstra\u00dfe gefunden und lie\u00df Lanzhou hinter mir. 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