{"id":1918,"date":"2014-08-27T16:59:46","date_gmt":"2014-08-27T14:59:46","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=1918"},"modified":"2015-01-16T19:11:56","modified_gmt":"2015-01-16T17:11:56","slug":"tag-208-weltuntergang-in-pingyao","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=1918","title":{"rendered":"Tag 208: Weltuntergang in Pingyao?"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 208 &#8211; 27.August<\/h2>\n<p>Pingyao &#8211; 1 Ruhetag; bisher geradelt: 16.044km; 817:40h im Sattel<br \/>\nHostel<\/p>\n<p>Pingyao geh\u00f6rt noch zu den wenige St\u00e4dten in China, in denen der Flair des alten Kaiserreiches noch zu sp\u00fcren ist. Mit etwa 40000 Einwohnern geh\u00f6rt sie sicherlich nicht zu den gr\u00f6\u00dften St\u00e4dten des Landes, aber das ist auch ganz gut so. Historisch gesehen spielt Pingyao schon sehr lange eine bedeutende Rolle. Eine 2700 Jahre alte Stadtgeschichte kann nicht jede Stadt vorzuweisen&#8230;<br \/>\nSchon beim Betreten der Stadt durch eines der Stadttore hat man das Gef\u00fchl ein kleines Fenster in eine vergangene Zeit zu \u00f6ffnen. Im Grunde sieht die Stadt noch so aus, wie die chinesischen St\u00e4dte vor 300 Jahren. Bedeutung erlangte Pingyao durch das Bankwesen, da hier die erste Bank Chinas gegr\u00fcndet wurde. Pingyao wurde das Zentrum des Bankwesens in China. Die ersten Geldscheine und Schecks stammen aus Pingyao, von hier aus wurde im ganzen Land Handel betrieben. Doch jedem Aufstieg folgt auch irgendwann wieder ein Niedergang. Die Gesch\u00e4fte gingen zur\u00fcck und die Stadt blieb in ihrem Entwicklungsstand stecken. F\u00fcr die heutigen Besucher ein Gl\u00fccksfall, denn nun kann man noch einen Blick auf das Leben und die Geb\u00e4ude aus der Zeit der Ming- und Qing-Dynastie werfen.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist nicht alles so geblieben wie es war. In die meisten Geb\u00e4ude sind nun Hotels, Restaurants, Bars und sonstige Touristenl\u00e4den eingezogen, doch die Grundstrukturen sind noch erhalten geblieben. Man schlendert vorbei an den dunkeln Ziegelgeb\u00e4uden die gr\u00f6\u00dftenteils mit roten Lampions geschm\u00fcckt sind. Autoverkehr gibt es in der Altstadt keinen. Die Stadt wird von Elektrofahrr\u00e4dern und vereinzelten klassischen R\u00e4dern in Besitz genommen.<br \/>\nAls ich gestern Nachmittag in Pingyao angekommen bin, konnte ich schon erahnen, wieviele Besuchergruppen t\u00e4glich in die Stadt pilgern. Daher versuchte ich in den fr\u00fchen Morgenstunden einen Blick auf die noch schlafende Stadt zu werfen. Die Fenster aller Geb\u00e4ude entlang der Hauptstra\u00dfen sind \u00fcber Nacht mit Holztafeln verhangen, noch deutet nichts darauf hin, dass von hier aus in wenigen Stunden Krimskrams aller Art an chinesische Touristen verkauft werden wird. Die Orientierung in der Stadt f\u00e4llt angenehm leicht. Es gibt die vier Haupttore (Nord, Ost, S\u00fcd, West) von denen aus die Hauptstra\u00dfen wegf\u00fchren. Interessanterweise liegen die Stadttore nicht direkt gegen\u00fcber sondern sind leicht zueinander versetzt. Etwas mehr als sechs Kilometer misst die Stadtmauer, die den Altstadtkern umgibt. Auch hier kann man noch einen Blick auf die historische Verteidigungsanlage werfen. Innerhalb der Stadtmauer gab es im Bereich der Stadttore eine Art Zwischenstadt. F\u00fcr den Fall, dass Angreifer die Tore durchbrechen landen sie in eben dieser Zwischenstadt, k\u00f6nnen wom\u00f6glich direkt abgewehrt werden, oder sitzen mehr oder weniger in der Falle&#8230;<br \/>\nFr\u00fchmorgens tut sich noch nicht viel innerhalb der Stadtmauer, daf\u00fcr tummeln sich die Bewohner vor den Stadttoren. Hier wird ganz eifrig Morgensport betrieben. Zum ersten Mal sehe ich auch Leute Kalligraphie \u00fcben. Der dicke Pinsel ist in Wirklichkeit ein spitz zugeschnittener Schwamm, der nicht mit Tinte, sondern mit Wasser getr\u00e4nkt ist. Auf den glatten Steinplatten werden teilweise gekonnt schwungvoll, oder auch noch recht z\u00f6gerlich einzelne chinesische Schriftzeichen aufs Papier \/ den Stein gebracht. Winzige Details in der Pinself\u00fchrung sind offenbar sehr bedeutsam und werden immer und immer wieder einstudiert.<br \/>\nImmer wieder genie\u00dfe ich diese Momente am Morgen, wenn die Einheimischen ganz unter sich sind, noch keiner seiner Arbeit nachgeht und alle f\u00fcr einen kurzen Moment als Individuum in der Masse untergehen.<br \/>\nNach ein paar Stunden Stadtspaziergang war mein Kopf derart voll, dass ich mich nur noch auf ein paar ruhige Stunden im schattigen Innenhof des Hostels freute. Den ganzen Nachmittag \u00fcber qu\u00e4lten mich latente Kopfschmerzen, den wahren Grund daf\u00fcr konnte ich am Abend hautnah miterleben.<br \/>\nIch machte mich noch einmal auf, um ein wenig von der Abendstimmung der Stadt einzufangen, hatte gerade das Nordtor hinter mir gelassen, da begann sich der Himmel zu verdunkeln. Die Sonne stand blutrot am Horizont und die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Schaffe ich es noch bis zu einem Lokal, wo ich im Trockenen das herannahende Gewitter aussitzen kann? Nun ja, in Wirklichkeit schaffte ich es gerade noch zur\u00fcck zum Stadttor, dann \u00f6ffnete der Himmel seine Pforten. \u00dcberall hektisches Treiben. Die H\u00e4ndler versuchten so rasch wie m\u00f6glich ihre Ware in Sicherheit zu bringen und interessanterweise hatte fast Jeder auf dem Elektrofahrrad pl\u00f6tzlich einen Regenponcho \u00fcbergezogen.<br \/>\nIm engen Bogen des Stadttores kam es nat\u00fcrlich umgehend zu einem gro\u00dfen Stau. Die Fu\u00dfg\u00e4nger und Radfahrer wollten nicht mehr weiter, die Elektromobile und Kleintransporter konnten nicht mehr weiter. Nach kurzem peitschte der Wind den immer st\u00e4rker werdenden Regen durchs offene Stadttor. Hagelk\u00f6rner mischten sich unter den dichten Regen. Blitze zuckten direkt \u00fcber der Stadt und der Donner war nahezu zeitgleich zu vernehmen. Jeder versuchte irgendwo eine gesch\u00fctzte Position zu finden, um Wind und Regen zu entkommen, doch nachdem der Wind irgendwann von jeder Richtung kam, war jeder Versuch vergebens. Auch ich hatte schon aufgegeben und beschlossen trotz intensivstem Regen und st\u00fcrmischen Verh\u00e4ltnissen ins Hotel zur\u00fcckzukehren. Womit ich nicht gerechnet hatte war die Tatsache, dass die gepflasterten Gassen den Regen offenbar nicht aufnehmen konnten. Eine braune Br\u00fche schoss mir entgegen. Gut 20cm tief war der &#8220;Stadtfluss&#8221; und ich war froh, dass es bereits dunkel war und man nicht mehr so genau sehen konnte, was so alles dahergeschwommen kam. Aber ja, das ist ja die schon oft angesprochene nat\u00fcrliche M\u00fcllentsorgung. Schon alleine vom Geruch her war mir klar, dass es ratsam sein w\u00fcrde, die Klamotten und die Schuhe einer gr\u00fcndlichen Reinigung zu unterziehen.<br \/>\nDie Ladenbesitzer versuchten panisch das Wasser aus ihren Gesch\u00e4ften draussen zu halten. Jetzt machen die hohen Eingangsschwellen auch pl\u00f6tzlich Sinn&#8230;<br \/>\nSo in etwa stelle ich mir den Weltuntergang vor. Vielleicht noch ein Erdbeben oder ein Feuer, aber der Rest kommt ganz gut hin.<br \/>\nZur\u00fcck im Hostel gab es erst mal f\u00fcr ein paar Stunden keinen Strom. Duschen und W\u00e4schewaschen mit der Stirnlampe &#8211; nur gut, dass man als Radreisender alles dabei hat. Insgeheim war ich aber froh, dass es heute dieses gewaltige Gewitter gegeben hat, weil jetzt die n\u00e4chsten Tage mit nichts derartigem mehr zu rechnen ist. Der Herbst k\u00fcndigt sich langsam an und die Wetterbest\u00e4ndigkeit sinkt so langsam. Wenn es geht m\u00f6chte ich aber noch so lange als m\u00f6glich trocken weiterradeln.<br \/>\nBis Peking ist es jetzt wirklich nicht mehr weit. Gut 700km trennen mich noch von der Hauptstadt dieses gewaltig gro\u00dfen Landes. Der letzte Meilenstein bevor es an Meer geht! Von der geistigen und k\u00f6rperlichen Verfassung f\u00fchle ich mich ganz gut ger\u00fcstet f\u00fcr den letzten gro\u00dfen Satz, nur der Sitzmuskel meldet sich jetzt immer \u00f6fter zu Wort. Die vielen Stunden im Sattel machen sich nun doch bemerkbar, aber in gut zwei Wochen gibts ohnehin eine l\u00e4ngere Erholungspause. Bis dahin wird aber noch fleissig weitergestrampelt. Knapp 1500km sind es noch bis ans Meer&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 208 &#8211; 27.August Pingyao &#8211; 1 Ruhetag; bisher geradelt: 16.044km; 817:40h im Sattel Hostel Pingyao geh\u00f6rt noch zu den wenige St\u00e4dten in China, in denen der Flair des alten Kaiserreiches noch zu sp\u00fcren ist. Mit etwa 40000 Einwohnern geh\u00f6rt sie sicherlich nicht zu den gr\u00f6\u00dften St\u00e4dten des Landes, aber das ist auch ganz gut&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[18],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1918"}],"collection":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1918"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1948,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1918\/revisions\/1948"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}