{"id":2026,"date":"2014-09-12T16:35:17","date_gmt":"2014-09-12T14:35:17","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=2026"},"modified":"2015-01-16T19:30:21","modified_gmt":"2015-01-16T17:30:21","slug":"tag-218-220-wenn-die-vorstellung-von-der-realitat-uberboten-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=2026","title":{"rendered":"Tag 218 &#8211; 220: Wenn die Vorstellung von der Realit\u00e4t \u00fcberboten wird"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 218 &#8211; 06.September<\/h2>\n<p>Peking &#8211; Jixian: 103km; 4:50h im Sattel; 26 &#8211; 31 Grad, bedeckt<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Drei Tage Peking hatten einen weiteren Stein zum Puzzle des Gesamteindruckes Chinas hinzugef\u00fcgt. Ich war \u00fcberrascht, wie sauber, geordnet und gr\u00fcn sich die Haupstadt pr\u00e4sentiert. Selbstverst\u00e4ndlich sieht man in drei Tagen nur einen winzigen Bruchteil der Stadt, aber f\u00fcr einen generellen Gesamteindruck reicht es schon. Der Regentag bei meiner Ankunft hatte sich offenbar ausgezahlt, denn daf\u00fcr wurde ich mit zwei Tagen blauem Himmel belohnt. Gerade in den Sommermonaten kommt das nicht besonders oft vor. Heute zum Beispiel war die Stadt wieder fest im Griff einer schier undurchdringbaren Dunstwolke. Die Temperaturen lagen bereits am Vormittag weit \u00fcber den 20 Grad und die hohe Luftfeuchtigkeit machte mir ordentlich zu schaffen.<br \/>\nRadfahren in Peking ist im Grunde eine feine Angelegenheit. Es gibt breite Fahrstreifen f\u00fcr Fahrradfahrer, die aber recht h\u00e4ufig zweckentfremdet werden, sodass man meistens sicherer auf der Stra\u00dfe unterwegs ist. \u00dcbertrieben viel Verkehr herrscht ohnehin nicht. Gerade im Stadtzentrum ist fast gar nichts los. Die achtspurige Stra\u00dfe f\u00fchrt vorbei am Tian Anmen Platz. Von hier aus wird die Kilometrierung vieler Stra\u00dfen gestartet. F\u00fcr mich gehts nun zum ersten Mal auf eine Stra\u00dfe, die aufsteigende Kilometerangaben hat. Bisher wurde stets in Richtung Peking zur\u00fcckgez\u00e4hlt.<br \/>\nDie Sicht ist derma\u00dfen schlecht, dass man nicht einmal das Ende des Platzes ausmachen kann. Im Osten der Stadt tauchen nach einigen Minuten dann die wenigen Hochh\u00e4user im Gesch\u00e4ftsviertel auf und dann ist mehr oder weniger Schluss. Ein letzter Blick zur\u00fcck auf die im Dunst verlaufende Ost-West-Achse Pekings. Ganz im Gegensatz zur Stadteinfahrt von Nordwesten kann man das wirkliche Stadtende bei der Ostausfahrt nicht klar festmachen. Immer wieder kommt man durch gr\u00f6\u00dfere Vorst\u00e4dte, die sicherlich noch zu Peking zu z\u00e4hlen sind. Auf gro\u00dfen Schautafeln auch hier die Visionen f\u00fcr die Zukunft. Man tr\u00e4umt von gr\u00fcnen Wiesen auf denen extravagant designte Stadtviertel stehen. Viel Glas, Gr\u00fcn und vor lachende Menschen, die ihre Freizeit in einer der vielen Malls bei Ouis Viton, oder Stabuck verbringen (so genau nehmen es die Visualisier nicht mit der korrekten Namensgebung). Eigenartigerweise hatte diese Art von Visualisierung in Peking nicht besonders ausgefallen gewirkt. Immerhin handelt es sich ja um die Hauptstadt und hier erwartet man sich fast schon derartige Planungen. Je weiter man sich nun aber von der Stadt wegbewegt, desto mehr wundert man sich, da die Grundstruktur der St\u00e4dte eine v\u00f6llig andere Sprache spricht. Aber es wird schon begonnen, die Vision in Wirklichkeit umzusetzen. Man arbeitet fleissig an den Hochh\u00e4usern und den unz\u00e4hligen Shoppingmalls. Ein Blick auf die bestehende Stadtstruktur sagt mir aber, dass ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung dieser Entwicklung wohl nicht folgen kann. Dieses Ph\u00e4nomen konnte ich mehr oder weniger auf der gesamten bisher befahrenen Strecke feststellen. Das Land tr\u00e4umt von einer hochmodernen Zukunft, die sich vor allem in Architektur und Stra\u00dfenbau widerspiegelt.<br \/>\nF\u00fcr mich markiert heute das eigentliche Ende der Stadt das Wiederauftauchen der LKWs. Die Stra\u00dfen werden wieder staubig und die Hupen laufen mal wieder hei\u00df. Erst nach fast 80km gibt es die ersten L\u00fccken in der Bebauung. Anfangs Baumschulen, dann vereinzelt kleinere Waldst\u00fccke. Es wird auch schon langsam Zeit, sich ein gem\u00fctliches Pl\u00e4tzchen f\u00fcr den Abend zu suchen. Nachdem ich erst gegen Mittag in Peking gestartet bin, ist heute nicht mit sonderlich vielen Kilometern zu rechnen. Gleich auf den ersten Anlauf gab es heute aber einen Spitzenm\u00e4\u00dfigen Platz in Mitten einer Platanengruppe. Nach ziemlich genau 17.000km werden nun die Bremsbel\u00e4ge gewechselt. Die letzten Regenetappen hatten noch einmal ordentlich Belag geschluckt, bin aber trotzdem recht erstaunt, dass man mit einem Satz Bremsbel\u00e4gen so weit kommen kann.<\/p>\n<h2>Tag 219 &#8211; 07.September<\/h2>\n<p>Kurz vor Jixian &#8211; irgendwo an der Chinesischen Mauer bei Lengkou: 151km; 6:48h im Sattel; 25 &#8211; 31 Grad, bedeckt<br \/>\nPrivater Unterkunftgeber<\/p>\n<p>Nachdem ich den kurzen morgendlichen Regenschauer erfolgreich im Zelt ausgesessen hatte, ging es auf die gestern spontan ge\u00e4nderte Route. Ich hatte beschlossen, die G102 zu verlassen und statt dessen weiter im Norden in Richtung Shanhaiguan zu radeln. Ich hoffte so, dem Schwerlastverkehr zu entkommen und vielleicht sogar in den H\u00fcgeln ein bisschen was von der Chinesischen Mauer zu sehen. Obwohl die Sonne hinter einem dicken Dunstschleier verborgen blieb, war es schon am Vormittag br\u00fctend hei\u00df. Die hohe Luftfeuchtigkeit und der anf\u00e4nglich doch noch recht intensive Verkehr machten mir ganz sch\u00f6n zu schaffen. Weit fr\u00fcher als gew\u00f6hnlich musste ich dieses Mal meine Mittagspause einlegen, da traf es sich ganz gut, dass ich gerade auf Zunhua zuradelte. Ich fand ein kleines Lokal, ganz nach meinem Geschmack. Gekocht wird auf dem Gehsteig, gegessen im Lokal, es gibt nur ein Gericht, was die Auswahl ziemlich erleichtert. Ziemlich flott hatte der Koch verstanden, dass ich kein Chinesisch spreche und f\u00fcrsorglich wie er war gab er mir fast jede Zutat zum kosten bevor er mir eine leckere Sch\u00fcssel Nudeln mit feingeschnittenem Rindermagen vorsetzte. Nachdem ich ihm erkl\u00e4rt hatte, was mich hierher verschl\u00e4gt, war er so begeistert, dass er meine Versuche, f\u00fcr das Essen zu bezahlen erfolgreich ausschlug.<br \/>\nNachdem ich meine Route mitten durch die Stadt gew\u00e4hlt hatte und nicht auf der Umgehungsstra\u00dfe geblieben bin, landete ich irgendwann mehr oder weniger mitten in einem Fabriksgeb\u00e4ude. Die Ost-West-Hauptachse der Stadt f\u00fchrt ungelogen direkt in einen gewaltig gro\u00dfen Fabrikkomplex. Die F\u00f6rderb\u00e4nder verlaufen nur ein paar Meter neben der Stra\u00dfe, \u00fcberall zischt und rumpelt es, man hat das Gef\u00fchl vom Weg abgekommen zu sein, doch dann taucht irgendwann wieder die Umgehungsstra\u00dfe auf und es geht \u00fcberraschend ruhig weiter. Leider verschluckt der dicke Dunst praktisch die gesamte Landschaft. Die Sicht betr\u00e4gt nur wenige hundert Meter und es ist immer noch br\u00fctend hei\u00df. Selbst wenn man sich nicht bewegt l\u00e4uft einem der Schwei\u00df von der Stirn. Radeln hilft sogar, weil es dabei ein wenig Fahrtwind gibt&#8230;<br \/>\nNeben der Stra\u00dfe tauchen endlich mal wieder neue Fr\u00fcchte auf. Es werden im Moment Erdn\u00fcsse und Esskastanien geerntet. Die Erdn\u00fcsse trocknen auf der Stra\u00dfe, oder vor den H\u00e4usern in der nicht sichtbaren Sonne.<br \/>\nSchemenhaft kann man in der Ferne viele kleine kegelartige Berge erkennen. Ich befinde mich im Moment ja schon auf etwa 100m Seeh\u00f6he, da wirkt ein 400m H\u00fcgel auch schon fast wie ein Berg&#8230; Ich kann mir gut vorstellen, dass die Strecke bei guter Sicht recht ansprechend sein kann, heute bleibt mir ein Gro\u00dfteil leider verborgen. Immerhin wird es nun doch recht ruhig auf der Stra\u00dfe. Der Ausflug auf die etwas l\u00e4ngere Nordstrecke hat sich doch ausgezahlt.<br \/>\nNachdem ich bei einer Polizeistation meine Wasservorr\u00e4te aufgestockt hatte begann ich schon, mich nach einem Zeltplatz umzusehen, da tauchte ein Wegweiser zu einem Abschnitt der Chinesischen Mauer auf. Angeblich nur sechs Kilometer. Den Abstecher wollte ich dann nun doch wagen. Nachdem ich die Bundesstra\u00dfe verlassen hatte, gab es dann aber kein einziges Hinweisschild mehr. Mithilfe eines Bildes der Chinesischen Mauer auf dem Tablet begann ich mich bei den Bauern, die neben der Stra\u00dfe Erdn\u00fcsse aus dem Boden zogen, durchzufragen. Die Stra\u00dfe schl\u00e4ngelte sich in ein abgelegenes Tal, nach und nach wurde die Stra\u00dfe immer schm\u00e4ler, aber offenbar war ich auf dem richtigen Weg. Irgendwann war dann sogar der Stra\u00dfenbelag verschwunden. Ein Kleinbus kam mir entgegen und eine junge Frau redete auf mich ein. Ich vermutete, dass sich mir klarmachen wollte, dass die Mauer f\u00fcr heute nicht mehr zug\u00e4nglich ist. Ich versuchte zu erkl\u00e4ren, dass ich heute nur zelten wolle und dann morgen die Mauer besichtige, da wendete sie und fuhr die letzten paar hundert Meter vor mir her. Der Weg endete hier nun, doch auf dem Bergkamm thronten die Befestigungst\u00fcrme der Chinesischen Mauer. Immerhin war ich auf dem richtigen Weg&#8230;<br \/>\nMir war nicht so ganz klar, wo ich nun gelandet war. Nach einem Dorf sah es nicht wirklich aus, vielmehr nach einer Ansammlung von H\u00e4usern, die zum \u00dcbernachten genutzt werden k\u00f6nnten. Eine Handvoll Arbeiter war noch damit besch\u00e4ftigt, ein weiteres Haus als Erweiterung des Hauptgeb\u00e4udes aufzumauern, doch die umliegenden Geb\u00e4ude schienen alle unbewohnt. Soweit ich die Unterhaltung der jungen Dame aus dem Kleinbus mit einer weiteren kleinen, recht redebesessenen Frau verstand, sollte ich heute mein Zelt in der Tasche lassen und statt dessen in einem der H\u00e4user \u00fcbernachten. Angeblich soll mich das ganze auch nichts kosten&#8230; Es war mal wieder an der Zeit, einfach den Dingen ihren Lauf zu lassen, eine gro\u00dfe Wahl hatte ich eh nicht. In gut einer Stunde wird es dunkel und gegen ein festes Dach \u00fcber dem Kopf habe ich auch nichts einzuwenden.<br \/>\nIch lie\u00df mich in eines der H\u00e4user f\u00fchren, fand dort zwei Betten und einen gro\u00dfen Esstisch vor. Als Nachtlager recht luxuri\u00f6s&#8230; Zu meinem gro\u00dfen Erstaunen waren die Leute hier ausgesprochen redselig, \u00fcberhaupt nicht kontaktscheu und mehr als zuvorkommend. Ich f\u00fchlte mich ein wenig an den Iran erinnert. Nachdem den Arbeitern klar war, dass ich nicht wirklich Chinesisch spreche wurde begonnen, alles im Sand aufzuschreiben. Dass ich keine chinesischen Schriftzeichen lesen kann, war weit schwieriger verst\u00e4ndlich zu machen, als die Tatsache, dass ich kein Chinesisch spreche.<br \/>\nWir a\u00dfen alle gemeinsam in der gro\u00dfen K\u00fcche dicht gedr\u00e4ngt um einen kleinen Tisch. Jeder bringt seine eigene Sch\u00fcssel und die St\u00e4bchen und w\u00e4scht das ganze dann auch wieder ab. Es gibt kein flie\u00dfend Wasser, statt dessen ein fast mannshohes Tongef\u00e4\u00df aus dem das Wasser gesch\u00f6pft wird. Trinkwasser wird abgekocht, f\u00fcr alles andere wird das Wasser direkt aus dem gro\u00dfen Gef\u00e4\u00df verwendet.<br \/>\nWir unterhielten uns eigentlich recht gut. Es wurden viele Fragen gestellt und teilweise minutenlang auf mich eingeredet. In der Regel gelang es mir meistens im richtigen Moment Ja, oder Nein zu sagen. Dass hier wieder einmal ein komplett anderer Dialekt gesprochen wird, kann ich nur anhand der Aussprache von &#8220;Deutschland&#8221; ausmachen, aber im Vergleich zu Peking klingt es schon wieder komplett anders. Kein Wunder, dass mich heute den ganzen Tag \u00fcber keiner verstanden hat&#8230; Am Abend sa\u00dfen wir dann noch alle gemeinsam in &#8220;meinem Zimmer&#8221; und ich erkl\u00e4rte anhand der gro\u00dfen Karte von China, meinem Reisepass und dem Bilderw\u00f6rterbuch den groben Hintergrund meiner Reise. Mit gro\u00dfem Interesse wurde die Chinakarte studiert und von irgendwo tauchte dann auch noch ein Globus auf und dann war allen klar, wo ich mit dem Rad gestartet bin. Es wurde wild auf mich eingeredet, aber interessanterweise bekommt man den groben Sinn gerade bei solchen &#8220;Unterhaltungen&#8221; recht gut mit.<br \/>\nEs ist eine Freude, jetzt gegen Ende meiner Chinareise doch noch auf kontaktfreudige und \u00fcberaus aufgeschlossene Leute zu treffen mit denen man sich auch ohne Sprachkenntnisse pr\u00e4chtig unterhalten kann.<\/p>\n<h2>Tag 220 &#8211; 08.September<\/h2>\n<p>Irgendwo an der Chinesischen Mauer bei Lengkou &#8211; Shanhaiguan: 142km; 6:25h im Sattel; 23 &#8211; 32 Grad, Sonne<br \/>\nCamping<\/p>\n<p>Was mich heute Fr\u00fch nach dem gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck erwartete h\u00e4tte ich mir in meinen k\u00fchnsten Tr\u00e4umen nicht vorstellen k\u00f6nnen. Der Dunstschleier von gestern hatte sich \u00fcber Nacht in Luft aufgel\u00f6st und ein strahlend blauer Himmel verhie\u00df einen grandiosen Tag. Ich startete meine Kletterpartie zur Chinesischen Mauer. Einer der Arbeiter zeigte mir noch den Einstieg in den im dichten Gestr\u00fcpp etwas versteckten Pfad und dann ging es erst mal eine gute Viertelstunde bergauf durch kniehohe Str\u00e4ucher. Dem Pfad nach zu urteilen ist hier nicht unbedingt t\u00e4glich mit Touristen zu rechnen. Immer wieder blickte ich mich um und war hin und weg von dem Ausblick in die unter mir liegende Ebene. Der gestrige Dunst hatte mir wirklich jede Sicht genommen. Bereits von meinem Zimmerfenster hatte ich gestern zwei Befestigungst\u00fcrme und die dazwischen verlaufende Mauer ausmachen k\u00f6nnen. Nun war es endlich so weit und ich konnte einen Teil der weltber\u00fchmten Gro\u00dfen Mauer betreten. Die Chinesische Mauer wurde in unterschiedlichen Bauphasen errichtet bzw. erweitert. Das Mauerst\u00fcck hier muss aus einer fr\u00fchen Phase stammen, da es noch aus Natursteinen errichtet wurde. Man sieht aber bereits die Verst\u00e4rkung und Erweiterung mit Ziegeln. Abschnittsweise wurden die Ziegel aber sorgsam abgetragen, vermutlich dienten sie den Einheimischen als Baumaterial. Als ich den ersten H\u00fcgel erklommen hatte, verschlug es mir erst einmal die Sprache. Ich konnte es gar nicht glauben, was nun vor mir lag. Schier endlos schl\u00e4ngelte sich die Gro\u00dfe Mauer \u00fcber die Bergk\u00e4mme und verschwand irgendwo am Horizont. Ich hatte ja mit ein paar hundert Metern noch erhaltener Mauer gerechnet und nicht mit einem derartig grandios erhaltenen Abschnitt. Der Fotoapparat lief hei\u00df und ich konnte mich gar nicht sattsehen an der faszinierenden Szenerie. So in etwa hatte ich mir die Chinesische Mauer immer vorgestellt. Dass es noch touristisch v\u00f6llig unerschlossene Abschnitte dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung gibt \u00fcberrascht mich ziemlich. Keine Menschenseele weit und breit, ich ganz alleine auf einem der gr\u00f6\u00dften Bauwerke der Welt&#8230; Am liebsten w\u00fcrde ich ewig entlangwandern, doch ich habe f\u00fcr heute noch einiges vor. Ich lasse es mir aber nicht nehmen und schaue mir noch ein paar Befestigungst\u00fcrme von der N\u00e4he aus an. Die \u00d6ffnungen der T\u00fcrme hatten damals offenbar schon Fenster. Die Parapete bestehen aus einem etwas weicheren Stein, man kann noch die Vertiefungen f\u00fcr die Drehachsen der Fenster erkennen. Es ist schon erstaunlich, wie gut viele T\u00fcrme und gro\u00dfe Abschnitte der Mauer erhalten sind. Der Arbeitswaufwand der in diesem Bauwerk steckt ist einfach unvorstellbar.<br \/>\nimmer wieder lasse ich meinen Blick entlang der Mauer schweifen, bis diese am Horizont verschwindet. \u00dcbergl\u00fccklich klettere ich wieder zur\u00fcck in die &#8220;Ferienanlage&#8221;, wo mich die K\u00f6chin bereits neugierig erwartet. Nachdem ich nicht bis zum Mittagessen bleiben kann, gibt sie mir noch frisch gepressten Tofu mit auf den Weg. Die Herzlichkeit, die ich hier erfahren konnte \u00fcberw\u00e4ltigt mich. Fast ein bisschen wehm\u00fctig rolle ich eifrig winkend wieder in Richtung Tal.<br \/>\nDie besten Dinge ergeben sich meist v\u00f6llig ungeplant. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht gehts nun langsam wieder zur\u00fcck auf die Bundesstra\u00dfe.<br \/>\nDie gro\u00dfe Mauer verl\u00e4uft noch einige Kilometer in Sichtdistanz zur S363, doch dann biege ich in Richtung S\u00fcden ab und die Mauer macht einen Schwenk nach Norden.<br \/>\nBei traumhaften Bedingungen geht es gem\u00fctlich durch eine recht abwechslungsreiche Gegend. Ich bin heilfroh, die B102 verlassen zu haben und den Abstecher in Richtung Norden unternommen zu haben. Selten keine so gute Entscheidung mehr getroffen&#8230;<br \/>\nDas Tagesziel f\u00fcr heute: Ankunft in Shanhaiguan &#8211; hier verl\u00e4uft die Chinesische Mauer ins Meer. Dieses Schauspiel will ich mir nicht entgehen lassen. Kurz vor der Stadt konnte man noch gut erkennen, wie die Gro\u00dfe Mauer aus den Bergen in Richtung Shanhaiguan verl\u00e4uft. F\u00fcr mich ist es jetzt schon eine Weile her, dass ich das letzte Mal am Meer war. Zuletzt konnte ich im Iran einen Blick aufs Schwarze Meer werfen. Die ganze Zeit \u00fcber frage ich mich schon, wann ich wohl zum ersten Mal Blickkontakt haben werde. Ich erinnere mich zur\u00fcck an meine Zeit in der T\u00fcrkei, als ich kurz vor Istanbul das Meer am Horizont aufblitzen sah. Heute gibts aber ein ganz gro\u00dfes Finale. Bis nach Shanhaiguan gab es keinen einzigen Blick aufs Wasser und auch in Shanhaiguan muss ich erst noch knapp f\u00fcnf Kilometer radeln, bis ich am Eingang zum &#8220;alten Drachenkopf&#8221; bin &#8211; so nennt man den Teil der Mauer, der ins Meer verl\u00e4uft. Der doch recht stattliche Eintrittspreis h\u00e4lt mich jetzt aber auch nicht mehr zur\u00fcck. Nur noch wenige Meter und ich habe immer noch kein Wasser gesehen. Es geht eine breite Treppenanlage hinauf und dann &#8211; endlich &#8211; ist der Blick frei&#8230; Das chinesische Festland ist hier zu Ende! Ein bewegender Augenblick, nach so langer Zeit wieder die Weite des Meeres zu sp\u00fcren. Vom Ende der Chinesischen Mauer hatte ich mir vielleicht ein wenig mehr erwartet, aber vielleicht tr\u00e4gt auch die Masse an Touristen dazu bei, dass mir hier kein Jubelschrei mehr \u00fcber die Lippen kommt. Aber vermutlich bin ich einfach noch derart beeindruckt vom unrestaurierten Teil der Mauer, dass mich dieser praktisch neu gestaltete Abschnitt nicht mehr aus der Reserve locken kann. Viele Wochen sind vergangen, als ich nach einer Ewigkeit durch die W\u00fcste zum ersten Mal die \u00dcberreste der Gro\u00dfen Mauer gesehen habe. Nun verl\u00e4uft sie im Meer&#8230; Bin ich jetzt schon durch durch China? Nun ja, ein kleines St\u00fcck Weg liegt schon noch vor mir.<br \/>\nErstmalig beschlie\u00dfe ich mitten im Stadtgebiet mein Zelt aufzustellen. Nur wenige hundert Meter von der Hauptsehensw\u00fcrdigkeit entfernt sticht mir eine recht gro\u00dfe Brachfl\u00e4che im Schatten der Mauer ins Auge. Kurz wird die \u00d6rtlichkeit unter die Lupe genommen und dann steht auch schon das Zelt, nur einen Steinwurf vom Strand entfernt. Welch ein Tag&#8230; Zuerst ein morgendlicher Mauerspaziergang und dann noch Meeresrauschen am Strand. Frisch geduscht das Ende des Tages am Meer genie\u00dfen, was will man mehr?<br \/>\nAm Abend f\u00fcllt sich der Strand noch einmal. Heute ist Vollmond und zus\u00e4tzlich Feiertag. Die Fotoapparate sind zuerst auf den alten Drachenkopf und schlie\u00dflich auf den immer heller werdenden Vollmond gerichtet. Ich verziehe mich ins Zelt und hoffe auf gute Nachbarschaft mit einem hier in der N\u00e4he br\u00fctenden Vogel. Lautstark hatte der sich nun schon ein paar Mal zu Wort gemeldet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 218 &#8211; 06.September Peking &#8211; Jixian: 103km; 4:50h im Sattel; 26 &#8211; 31 Grad, bedeckt Camping Drei Tage Peking hatten einen weiteren Stein zum Puzzle des Gesamteindruckes Chinas hinzugef\u00fcgt. Ich war \u00fcberrascht, wie sauber, geordnet und gr\u00fcn sich die Haupstadt pr\u00e4sentiert. Selbstverst\u00e4ndlich sieht man in drei Tagen nur einen winzigen Bruchteil der Stadt, aber&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[18],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2026"}],"collection":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2026"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2026\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2031,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2026\/revisions\/2031"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2026"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2026"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/abicyclediary.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2026"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}