{"id":2359,"date":"2014-10-27T16:59:42","date_gmt":"2014-10-27T14:59:42","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=2359"},"modified":"2014-10-27T16:59:42","modified_gmt":"2014-10-27T14:59:42","slug":"tag-266-269-kaltstart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=2359","title":{"rendered":"Tag 266 &#8211; 269: Kaltstart"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 266 &#8211; 23.Oktober<\/h2>\n<p>Moskau &#8211; Klin: 116km; 6:24h im Sattel; minus 10 &#8211; minus 5 Grad, Sonne<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Nach 17 Tagen ohne Rad ging es nun endlich wieder mit meinem geliebten Reisetransportmittel weiter. Stanislav musste auch heute wieder fr\u00fch ins B\u00fcro, was f\u00fcr mich ganz gelegen kam, da ich so zeitig genug mich in den Moskauer Morgenverkehr werfen konnte. Ein strahlend blauer Himmel empfing mich heute Morgen, doch schon auf den ersten Metern wurde mir klar, dass es ein recht kalter Tag werden w\u00fcrde. Mit einem Paar Handschuhe hielt ich es gerade mal 10 Minuten aus, dann musste ich das zweite Paar Fleece Handschuhe \u00fcberziehen. Minus 10 Grad auf dem Rad sind wirklich nicht besonders angenehm, binnen weniger Minuten ist der Bart eingefroren und man sp\u00fcrt jede unbekleidete Stelle am K\u00f6rper. Im Fluss des Morgenverkehrs lie\u00df es sich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut radeln. Zwar gibt es keinen Seitenstreifen auf den vierspurigen Prospekts, daf\u00fcr flie\u00dft der Verkehr aber so langsam, dass man problemlos mit dem Rad mithalten kann. Ich hatte meine Route f\u00fcr heute eigentlich am Kreml vorbeigelegt, doch wie es der Teufel will stand ich pl\u00f6tzlich mal wieder vor der Basilius Katedrale am Roten Platz. Warum also nicht sich noch ein letztes Mal von den bunten Zwiebelt\u00fcrmen verabschieden? Nun ging es also an der Kremlmauer entlang und zielstrebig zur Stadtausfahrt auf die M10. Nach gut 1 1\/2 Stunden Fahrt musste ich mich dann aber v\u00f6llig durchgefroren in einem kleinen Stra\u00dfencafe aufw\u00e4rmen. H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe waren schon fast taub, doch zum Gl\u00fcck taut man in beheizten R\u00e4umen relativ schnell wieder auf, wenn es zu Beginn auch ein wenig schmerzt&#8230;<br \/>\nNach einem hei\u00dfen Tee und drei Mehlspeisen ging es dann wieder weiter. Trotz wolkenlosem Himmel schien sich die Temperatur nicht wirklich nach oben zu bewegen. Erst am fr\u00fchen Nachmittag sollte das Thermometer auf minus 5 Grad hinaufklettern. Nach etwa 35km Fahrt war die Stadtgrenze von Moskau erreicht. Den bis zur Stadtgrenze noch \u00e4usserst dichten Wohnbau lie\u00df ich nun hinter mir und die f\u00fcr wohl alle Gro\u00dfst\u00e4dte bezeichnende ausserst\u00e4dtische Gewerbeansiedlung begann. Baum\u00e4rkte, Baumschulen und Einrichtungsh\u00e4user pr\u00e4gten nun das Landschaftsbild neben der Stra\u00dfe.<br \/>\nDas Wasser in meinen Trinkflaschen war nun g\u00e4nzlich gefroren, einzige Wasserquelle blieb nun also die Thermoskanne Tee. Der Verkehr lie\u00df auch nach der Stadtgrenze kein bisschen nach. Der Ger\u00e4uschpegel lag ziemlich hoch, was sicherlich auch an den vielen Winterreifen mit Spikes liegt. Auf dem schmalen Seitenstreifen strampelte ich nun in Richtung Nordwesten, mein Schatten lag immer noch vor mir und die K\u00e4lte setzte mir schon etwas zu. Seitdem ich die Stadtgrenze hinter mir gelassen hatte nahm die Siedlungsdichte rapide ab. Immer mehr Holzh\u00e4user reihten sich entlang der vielbefahrenen Bundesstra\u00dfe auf. Abseits der Stra\u00dfe gab es aber nicht viel zu sehen, weil die M10 fast durchgehend von einer 2m hohen Schallschutzwand begleitet wird. Zum Gl\u00fcck f\u00fchrt die Bundesstra\u00dfe immer wieder an kleinen Waldst\u00fccken vorbei, sodass ich ab und an zumindest dem kr\u00e4ftigen Nordwind entkam. Die niedrigen Temperaturen, der immens starke Verkehr und der konstante Gegenwind machten mir durchaus zu schaffen, sodass ich heilfroh war, am fr\u00fchen Nachmittag ein kleines Stra\u00dfenlokal in Mitten von Autowerkst\u00e4tten zu erblicken. Eine hei\u00dfe Suppe war genau das Richtige f\u00fcr den Moment. Es dauerte durchaus seine Zeit, bis ich wieder v\u00f6llig aufgew\u00e4rmt und bereit f\u00fcr Runde zwei war. Ich st\u00fclpte mir die Regen\u00fcberschuhe \u00fcber und hatte von nun an keine kalten F\u00fc\u00dfe mehr. Der Streckenverlauf wurde immer welliger, was in Kombination mit dem Gegenwind nicht unbedingt von Vorteil war, trotzdem kam ich recht gut voran. Solange H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe warm sind, f\u00fchlt man sich auch bei derart k\u00fchlen Temperaturen recht wohl. Den Gedanken an Zelten hatte ich aber bereits am fr\u00fchen Nachmittag begraben. Ziel f\u00fcr den Tag war es, in Klin, der laut Karte ersten gr\u00f6\u00dferen Stadt nach Moskau, eine Unterkunftsm\u00f6glichkeit zu finden. Noch weit vor Sonnenuntergang erreichte ich Klin und begab mich auf die Suche nach einem Hotel. In Bahnhofsn\u00e4he war ganz und gar gar nichts zu finden und so drehte ich ein paar Runden und begann mich durchzufragen. Es kann doch nicht sein, dass eine Stadt \u00fcber keine Unterk\u00fcnfte verf\u00fcgt&#8230;. Ich wurde zu zwei unterschiedlichen Hotels geschickt, wovon das erste geschlossen war und das zweite kurz vor dem Abriss stand. Ich war schon kurz davor, nun doch weiterzufahren und irgendwo das Zelt aufzuschlagen, als ich aber noch einen Hinweis auf ein drittes Hotel bekam, das ein wenig entgegen meiner Fahrtrichtung lag. Nachdem ich nun schon fast eine Stunde in Ort umhergefahren war und mich die Vorstellung von frostigen Nachttemperaturen nicht gerade aufbaute, beschoss ich diesem Hinweis noch nachzugehen und siehe da, ich fand eine ge\u00f6ffnete Herberge &#8211; scheinbar die Einzige im Ort. Die Rezeptionistin verzog keine Mine als ich mich nach einem Zimmer erkundigte, doch nach mehrfachem Nachfragen bekam ich schlussendlich ein Bett in einem Dreierzimmer. Die Gemeinschaftsdusche spuckte hei\u00dfes Wasser aus, was nach der frostigen Fahrt heute schon fast einer Wellnessbehandlung gleichkam. Noch kurz ein Schweineschnitzel auf franz\u00f6sische Art in dem im Erdgeschoss gelegenen Cafe verdr\u00fcckt und dann endlich unter die warme Decke.<\/p>\n<h2>Tag 267 &#8211; 24.Oktober<\/h2>\n<p>Klin &#8211; Poddubki: 107km; 5:23h im Sattel; minus 5 &#8211; 1 Grad, Sonne<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Schon als ich heute Morgen vor die T\u00fcr trat war klar, dass es \u00fcber Nacht deutlich w\u00e4rmer geworden war. Die minus 5 Grad in der Fr\u00fch f\u00fchlten sich im Vergleich zu gestern schon fast sommerlich an. Erstaunlich, was f\u00fcnf Grad Temperaturdifferenz ausmachen k\u00f6nnen. Der Verkehr hatte heute erfreulicherweise sp\u00fcrbar nachgelassen. Auch die Wellblechz\u00e4une am Stra\u00dfenrand waren verschwunden und so konnte man zumindest einen Blick auf die H\u00e4user am Stra\u00dfenrand werfen. Man sieht noch erstaunlich viele Holzh\u00e4user, \u00e4hnlich derer, die wir in Irkutsk gesehen hatten. Manche davon zwar verlassen, aber ziemlich viele noch gut gepflegt und offenbar dauerhaft bewohnt. Sch\u00f6n anzusehen die filigranen Verzierungen im Dachbereich und um die Fenster herum. Auch bei der Farbgestaltung unterscheiden sich die H\u00e4user deutlich voneinander. Holz als Baustoff ist hier aber augenscheinlich nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. S\u00e4mtliche Neubauten und auch die Zubauten an die Holzh\u00e4user werden in Ziegelbauweise ausgef\u00fchrt, was f\u00fcr das Erscheinungsbild der H\u00e4user nicht unbedingt von Vorteil ist.<br \/>\nDer Nordwind hatte ein wenig nachgelassen und so kam ich recht gut voran. Man sp\u00fcrt aber schon, dass die k\u00fchlen Temperaturen kein allzuflottes Radeln erm\u00f6glichen. Der Krafteinsatz muss wohl dosiert werden, nicht dass man zu sehr schwitzt, da man sonst unweigerlich friert. Der K\u00f6rper verlangt nach viel S\u00fc\u00dfem und warmen Getr\u00e4nken. In einer Raststation am Stra\u00dfenrand lie\u00df ich es mir heute mal richtig gut gehen. Suppe, Schaschlik, Kuchen und Tee&#8230; Man sp\u00fcrt, dass man nun weit genug weg vom Einzugsgebiet Moskaus ist. Auch in den g\u00fcnstigen Lokalen zahlte man in Moskau f\u00fcr den Tee ca. 150 Rubel, heute gab es frisch aufgebr\u00fchten Tee nach Wahl f\u00fcr sagenhafte 30 Rubel.<br \/>\nDie Sonne arbeitete heute kr\u00e4ftig daran, die Temperaturen \u00fcber den Gefrierpunkt zu treiben, tat sich aber merklich schwer. Erst am Sp\u00e4ten Nachmittag wurde die Null Grad Marke geknackt. Die Stra\u00dfe verlief heute durch scheinbar recht feuchtes Gebiet. \u00dcber weite Strecken hinweg sieht man Schilf und Rohrkolben neben der Stra\u00dfe. Zwischendurch immer wieder vereiste Gew\u00e4sser. Die Fl\u00fcsse beginnen gerade zuzufrieren, aber trotzdem gibt es schon Mutige, die im Randbereich die ersten L\u00f6cher zum Eisfischen aufstechen. Lange verlief die Stra\u00dfe parallel zur Wolga, doch zu sehen war der Fluss erst, als ich in Twer die Br\u00fccke \u00fcber den Fluss nahm. Twer, ein \u00fcberraschend sympathisches St\u00e4dtchen, das dank der Ortsumfahrung im Zentrum noch recht beschaulich wirkt. Man sp\u00fcrt den Glanz von vergangenen Tagen. Zu Sowjetzeiten muss Twer eine bl\u00fchende Stadt gewesen sein. An der sandigen Uferb\u00f6schung der Wolga bereitet man sich auf den Winter vor. Die B\u00e4ume der Uferpromenade werden zurechtgestutzt und das noch verbliebene Laub wird fein s\u00e4uberlich in T\u00fcten abtransportiert. Das Wasser der Wolga ist \u00fcberraschend klar. Noch einige Meter vom Ufer entfernt kann man bis auf den Grund sehen. Bis auf ein paar Eltern mit Kinderwagen ist aber niemand auf der Uferpromenade unterwegs, obwohl die Sonne f\u00fcr angenehme Temperaturen sorgt.<br \/>\nIch \u00fcberlege kurz, ob ich in Twer Station machen soll, beschlie\u00dfe dann aber doch noch ein paar Kilometer zu radeln und in einem Motel, das auf meiner Karte markiert ist, abzusteigen. Zum Zelten ist es mir heute ehrlich gesagt noch zu kalt und so teuer kann ein Motel ja auch nicht sein &#8211; falsch gedacht&#8230; Das Einzelzimmer kostet fast dreimal so viel wie ich gestern bezahlt hatte, ein Vielfaches von dem, was ich erwartet hatte. Die n\u00e4chste Unterkunft ist aber 45km entfernt und in gut einer Stunde geht die Sonne unter. Dann g\u00f6nne ich mir heute eben einmal eine Luxusherberge. Preisverhandlungen sind in Russland nicht \u00fcblich \/ m\u00f6glich. Die Zimmerpreise sind mit einem offiziellen Stempel versehen und Rabatte sind keine vorgesehen. Wenn ich die Rezeptionistin richtig verstanden habe, kann sie mir deshalb keinen Preisnachlass geben, auch wenn sie m\u00f6chte. Die Schilderung meiner bisherigen Unternehmung entz\u00fcckte sie unmissverst\u00e4ndlich, doch auch nach dem Telefonat bei der Direktion gab es keine Ausnahme&#8230; Daf\u00fcr gibts f\u00fcr mich nun einmal die Gelegenheit, meine Klamotten seit Wladiwostok endlich wieder einmal zu waschen. Nach zwei Wochen im Zug hatte die Garderobe schon deutlich zu muffeln begonnen. Die Heizk\u00f6rper laufen auf h\u00f6chster Stufe, bis morgen sollte also alles trocken sein.<br \/>\nImmer wieder werfe ich eine Blick auf die Karte und suche nach einer M\u00f6glichkeit, die M10 zu umgehen, doch so wie es scheint, ist dies wirklich die einzige Direktverbindung nach St. Petersburg. Alle Stra\u00dfen, die von der M10 abzweigen enden irgendwo, oder f\u00fchren in einem riesengro\u00dfen Bogen wieder auf die M10 zur\u00fcck. Bis nach St. Petersburg werde ich also wohl oder \u00fcbel auf dieser Autobahn\u00e4hlichen Stra\u00dfe bleiben m\u00fcssen. Wenn mich mein Gef\u00fchl nicht t\u00e4uscht, wird es langsam w\u00e4rmer. Es scheint, als ob der Nordwesten Russlands nicht so sehr unter den tiefen Temperaturen leidet. Mir soll es recht sein, gegen ein paar Plusgrade habe ich auf keinen Fall etwas einzuwenden.<\/p>\n<h2>Tag 268 &#8211; 25.Oktober<\/h2>\n<p>Poddubki &#8211; 20km hinter Wyschni Wolotschok: 133km; 5:56h im Sattel; minus 11 &#8211; 1 Grad, Sonne<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Mein Gef\u00fchl hatte mich offenbar doch get\u00e4uscht&#8230; in der Fr\u00fch wurde ich gleich einmal mit ziemlich frostigen minus 11 Grad empfangen. Zum Gl\u00fcck schien es aber ein sonniger Tag zu werden. Nach ein paar Kilometern \u00fcberquerte ich den Fluss Tvertsa und beobachtet eine Weile vom Ufer aus die vielen Eisschollen, die im Fluss trieben und beim Aneinanderreiben eigenartige Ger\u00e4usche erzeugten. Das Wasser dampfte noch bei den tiefen Temperaturen, ein grandioses Schauspiel mit der Morgensonne im Hintergrund.<br \/>\nDer Verkehr hielt sich zum Gl\u00fcck in Grenzen, denn heute mussten einige Baustellen passiert werden. Die Bagger- und LKW Fahrer, die mich nur mit Unterhemd bekleidet aus dem F\u00fchrerhaus gr\u00fc\u00dften waren mir in Anbetracht der tiefen Temperaturen fast schon ein wenig unsympathisch. Aber es passt gut zur Russischen Mentalit\u00e4t, einzuheizen, was das Zeug h\u00e4lt. Heizen kostet offenbar immer noch nicht viel und die Regelung der Heizung l\u00e4uft meistens \u00fcber das Fenster. Ist es zu warn, wird einfach das Fenster ge\u00f6ffnet&#8230;<br \/>\nAuch wenn es heute wieder einmal grenzwertig kalt war, kam ich recht gut voran, vielleicht auch deshalb, weil der Wind nun endg\u00fcltig verschwunden war. Trotz meines etwas versp\u00e4teten Starts hatte ich gegen 12 Uhr bereits mein Vormittagssoll erreicht und ich konnte mich bei Suppe und Tee ein wenig aufw\u00e4rmen.<br \/>\nLandschaftlich tut sich nicht recht viel entlang der Hauptverkehrsader zwischen Moskau und St. Petersburg. Meistens geht es durch unterschiedlich dichten Wald hindurch, direkt neben der Stra\u00dfe vielfach Schilfg\u00fcrtel und kleinere Eisfl\u00e4chen. Kann mir gut vorstellen, dass es im Sommer hier durchaus Probleme mit Moskitos geben kann, so feucht wie die Gegend hier offenbar ist.<br \/>\nDie Besiedelung an der M10 ist wirklich sehr sp\u00e4rlich. Es geht durch fast g\u00e4nzlich verlassene D\u00f6rfer, in denen die meisten Holzh\u00e4user schon vor Jahren dem Verfall preisgegeben wurden, doch immer wieder kommt man auch an kleineren Ansiedlungen vorbei die sehr gepflegt wirken. Die H\u00e4user sind mit verspielten Verzierungen aus Holz dekoriert und die Vorg\u00e4rten werden offenbar zur Selbstversorgung genutzt. Sonderlich attraktiv ist die Lage an der autobahn\u00e4hnlichen Schnellstra\u00dfe ja nicht. Der Transitverkehr als einzige Verdienstquelle&#8230; Zwischen Frostschutzmittel und \u00fcberdimensional gro\u00dfen Stofftieren werden auch eingemachtes Gem\u00fcse oder Fr\u00fcchte verkauft.<br \/>\nErst am sp\u00e4ten Nachmittag klettert das Thermometer auf \u00fcber Null. Die dauerhafte K\u00e4lte l\u00e4hmt schon langsam. Trotz \u00dcberschuhen werden die Zehen immer wieder kalt und die H\u00e4nde wandern abwechselnd auch immer wieder in die w\u00e4rmenden Jackentaschen.<br \/>\nIn Wyschni Wolotschok wird schon eifrig am Eis gefischt. Die gro\u00dfe Eisfl\u00e4che am Stadtrand ist gut besucht und immer wieder sieht man kleinere Gruppen sich um ein Loch im Eis scharen.<br \/>\nAuf Zelten habe ich heute immer noch keine Lust. Die Vorstellung, leicht verschwitzt bei Minustemperaturen das Zelt aufzustellen ist nicht sonderlich verlockend. Im ersten Motel nach Wyschni Wolotschok liegen die Zimmerpreise ebenso hoch wie gestern, was mich dazu veranlasst, doch noch ein paar Kilometer weiterzufahren. Angeblich sollten noch zwei weitere Motels in direkter N\u00e4he sein. Schon nach 5 Minuten Fahrt taucht ein kleines Lokal am Stra\u00dfenrand auf, das offenbar auch Zimmer zu vermieten hat. Die ganze Anlage wirkt zwar ein wenig verlassen, aber ich versuche mein Gl\u00fcck. Das Doppelzimmer im Bungalow kostet nur die H\u00e4lfte von dem, was ich gestern gezahlt habe. Zwar ist das Zimmer ohne Dusche, daf\u00fcr gibt es direkt gegen\u00fcber eine russische Sauna. Was besseres k\u00f6nnte einem wohl nicht passieren.<br \/>\nNachdem ich den ganzen Tag fast unter Null Grad verbracht habe, sind 120 Grad Raumtemperatur gerade recht. F\u00fcr die etwas isolierte Lage ist das Banja recht gut besucht. Haupts\u00e4chlich LKW Fahrer z\u00e4hlen zu den G\u00e4sten. Im Grunde geht man ja zu zweit ins Banja, damit einer die &#8220;Behandlung&#8221; mit Birkenlaub durchf\u00fchren kann. Das getrocknete Birkenlaub ist zu handlichen Buschen gebunden und wird in kaltem Wasser eingelegt. Man legt sich flach auf die Sitzbank und wird mit den feuchten Birkenlaubbuschen erst angewedelt und abschlie\u00dfend ausgeklopft. Die meisten G\u00e4ste sind bestens f\u00fcrs Banja pr\u00e4pariert. Man hat eigenes Laub dabei und ein lustiger Filzhut sch\u00fctzt vor den hohen Temperaturen. Es wird viel geplaudert im Banja. Bei den LKW Fahrern geht es haupts\u00e4chlich um arbeiten, arbeiten, arbeiten, bei den Einheimischen, die am sp\u00e4ten Abend noch das Banja bev\u00f6lkern werden Abenteuergeschichten aus dem Alltag ausgepackt. Auch wenn ich um ehrlich zu sein noch immer kein Russisch spreche, verstehe ich recht viel, weil die meisten G\u00e4ste ihre Erz\u00e4hlungen mit vielen Gesten untermalen und ich so in Kombination mit ein paar Brocken, die ich verstehe, ganz gut den Inhalt der Unterhaltung mitbekomme.<br \/>\nNachdem ich mich zweimal ordentlich in der Schwitzkammer aufgeheizt hatte, werde ich von einem \u00e4lteren Russen angesprochen, ob ich nicht das richtige russische Banja ausprobieren m\u00f6chte und so komme ich am sp\u00e4ten Abend unverhofft auch noch zum Ausklopfen mit Birkenlaub. Was will man mehr &#8211; ein g\u00fcnstiges Zimmer und ein russisches Banja direkt vor der T\u00fcr?<br \/>\nIch kann mir gut vorstellen, dass in den kalten russischen Wintern das Banja genau der rechte Ort ist, um sich am Abend noch einmal aufzuw\u00e4rmen.<br \/>\nWohl zum letzten Mal wird heute Abend noch einmal die Kette gewechselt. Die dritte Kette kommt nun zum dritten Mal in Einsatz. Noch ca. 3000km liegen vor mir, wenn also nicht die Kettenbl\u00e4tter, oder die Kassette schlapp machen sollte sich das also mit dieser Kette noch ausgehen.<\/p>\n<h2>Tag 269 &#8211; 26.Oktober<\/h2>\n<p>20km hinter Wyschni Wolotschok &#8211; Krestzi: 125km; 5:40h im Sattel; minus 5 &#8211; 4 Grad, wechselhaft<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Nur minus 5 Grad am Morgen, das kommt ja schon fast einem Fr\u00fchlingstag gleich&#8230; aber kein Grund f\u00fcr meine F\u00fc\u00dfe, einmal nicht kalt zu werden. Gerade im Schatten f\u00fchlt sich die Luft noch um einiges k\u00e4lter an. F\u00fcr mich schwer vorstellbar, wie es einige der Einheimischen aushalten, bei den frostigen Temperaturen den ganzen Tag am Stra\u00dfenrand zu stehen und zu versuchen, getrocknete Beeren, Pilze, oder Eingelegtes zu verkaufen. Dick eingepackt stehen sie im Schatten der hohen B\u00e4ume und hoffen auf Kundschaft. Einige sitzen im Auto, vermutlich mit Standheizung, andere versuchen sich an kleinen Feuerchen zu w\u00e4rmen, doch die meisten vertrauen ganz auf die dicken Winterklamotten. Mich fr\u00f6stelt aber schon alleine beim Gedanken daran&#8230; aber vermutlich geht es den Verk\u00e4ufern \u00e4hnlich, wenn sie mich vorbeiradeln sehen.<br \/>\nHeute ist mal wieder ziemlich viel Verkehr auf der M10. Ein LKW nach dem anderen braust an mir vorbei. Autos sind klar in der Minderheit. Man sp\u00fcrt aber schon langsam die N\u00e4he zur Grenze. Immer wieder mal kommt ein LKW mit Europ\u00e4ischem Kennzeichen vorbei. Auch schon das erste Auto mit Berliner Nummer ist mir heute entgegengekommen. Man sieht, die EU ist nicht mehr weit.<br \/>\nSo nach und nach wird mir nun erst richtig bewusst, dass ich nun ja schon auf dem Heimweg bin. Ankommen in Wladiwostok und Weiterfahren bis Moskau ging r\u00fcckblickend betrachtet vielleicht ein wenig zu schnell. Erst jetzt, ein paar Tage, nachdem ich Moskau hinter mir gelassen habe, beginne ich zu begreifen, dass die lange Reise gen Osten erfolgreich beendet wurde. Ein bisschen Stolz kommt schon auf, wenn ich mir vorstelle, die Strecke von Wien bis Wladiwostok fast g\u00e4nzlich per Rad zur\u00fcckgelegt zu haben. Jetzt auf der streckenweise ziemlich \u00f6den M10 gibt es Zeit genug, die letzten Monate ein wenig Revue passieren zu lassen. Sch\u00f6n ist\u00b4s gewesen und viel hab ich gesehen&#8230; Ein bisschen was liegt ja noch vor mir, aber im Moment tut sich nicht sonderlich viel. Russland ist ein gro\u00dfes Land, das habe ich schon von der Transsib aus gesehen, doch f\u00fcr die Strecke, die man im Zug binnen einer Stunde zur\u00fccklegt, ben\u00f6tige ich jetzt einen ganzen Tag. Viel Kontakt zu Leuten gibt es auch nicht, weil eigentlich niemand zu sehen ist. Ein eigenartiges St\u00fcck Land ist das hier. Sinnvoll passieren l\u00e4sst es sich nur \u00fcber die Schnellstra\u00dfe, die Netzartig abzweigenden Nebenstra\u00dfen enden meist irgendwo in einem Sumpf. Schade eigentlich, weil ich sehr gerne ein wenig mehr vom d\u00f6rflichen Leben gesehen h\u00e4tte. Die Route \u00fcber die D\u00f6rfer zu legen w\u00fcrde fast drei Tage mehr Fahrt bis nach St. Petersburg bedeuten, weshalb ich mich &#8211; auch wegen der winterlichen Bedingungen &#8211; f\u00fcr die k\u00fcrzere Variante entschieden habe.<br \/>\nEin kleiner Lichtblick war heute der Abstecher zum sehr idyllisch gelegenen Dorf Valdai. Gut 20km vorher hatte ich Mittag gemacht und wurde schon davor gewarnt, dass die Stra\u00dfe jetzt welliger wird und einige l\u00e4ngere Anstiege zu bew\u00e4ltigen sind. Daf\u00fcr, dass sich der kleine Umweg \u00fcbers Dorf auszahlt, gabs aber keinen Tip. Ich ben\u00f6tigte dringend Bargeld und versuchte also in Valdai einen Geldautomaten aufzutreiben. ich war ganz \u00fcberw\u00e4ltigt von der idyllischen Lage, direkt am See, mit Blick auf eine kleine Insel, die mit mehreren Kirchen vollgestell war. Endlich tat sich auch auf den Stra\u00dfen wieder was. Leute gingen Spazieren, Kinderw\u00e4gen wurden umhergeschoben und auf dem zentralen Kirchenplatz traf man sich zum Plaudern. So konnte ich mich relativ leicht zum n\u00e4chsten Geldautomaten durchfragen, wodurch die \u00dcbernachtung f\u00fcr heute Abend nun gesichert war. Am Ortsende befand sich offenbar das Bezirksgef\u00e4ngnis. Ein recht gro\u00dfer Komplex mit hohen Mauern und ziemlich viel Stacheldraht, der an allen vier Ecken von bewaffnetem Personal in Hochsitzen bewacht wurde. Etwas abstus wirkte dabei der kleine Kinderspielplatz zwischen Parkplatz und dem gro\u00dfen Zentraltor.<br \/>\nZur\u00fcck auf der &#8220;Autobahn&#8221; donnerten wieder die Laster an mir vor\u00fcber. Man gew\u00f6hnt sich recht schnell an den starken Verkehr, doch der Blick auf die Umgebung ver\u00e4ndert sich dadurch ebenfalls. Bei so viel Verkehr gehts fast nur noch im Tunnelmodus voran, nur noch das Vorankommen z\u00e4hlt und nur noch selten wird nach rechts und links geschaut. Nachdem sich die Sonne hinter einem dicken Dunstschleier verkrochen hatte, erschien die Landschaft um mich herum nur noch trister. Die verlassenen Holzh\u00e4user wirkten noch verlassener und der ohnehin schon dunkle Wald wirkte noch dunkler. Meine F\u00fc\u00dfe waren den ganzen Tag \u00fcber nie wirklich warm geworden, also ein guter Grund, eine Unterkunft zu suchen und einmal warm zu duschen. Nach einem Tag in der K\u00e4lte habe ich dann auch nichts gegen ein \u00fcberheiztes Zimmer einzuwenden, was einem hier in Russland ja ziemlich oft begegnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 266 &#8211; 23.Oktober Moskau &#8211; Klin: 116km; 6:24h im Sattel; minus 10 &#8211; minus 5 Grad, Sonne Hotel Nach 17 Tagen ohne Rad ging es nun endlich wieder mit meinem geliebten Reisetransportmittel weiter. 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