{"id":2433,"date":"2014-11-04T22:25:51","date_gmt":"2014-11-04T20:25:51","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=2433"},"modified":"2014-11-04T22:25:51","modified_gmt":"2014-11-04T20:25:51","slug":"tag-277-278-zeitreise-gefallig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=2433","title":{"rendered":"Tag 277 &#8211; 278: Zeitreise gef\u00e4llig?"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 277 &#8211; 03.November<\/h2>\n<p>J\u00f6hvis &#8211; Tallinn: 174km; 8:06h im Sattel; 5 &#8211; 7 Grad, bedeckt \/ Nebel \/ Regen<br \/>\nWarmshowers<\/p>\n<p>\u00dcber Nacht hatte es sich zum Gl\u00fcck ausgeregnet und ich konnte die l\u00e4ngste Tagesetappe der vergangenen Wochen in Angriff nehmen. Schon von Beginn an war klar, dass es bereits dunkel sein w\u00fcrde, wenn ich in Tallinn ankomme, aber irgendwie wollte ich auf jeden Fall noch heute dort ankommen. F\u00fcnf Grad plus und kein Regen waren schon einmal gute Vorraussetzungen. Auf den ersten 15km gabs dann auch noch angenehmen R\u00fcckenwind, doch der drehte bald in die falsche Richtung und so wurde es schon bald eine recht kr\u00e4ftezehrende Etappe. Die Sonne lie\u00df sich den ganzen Tag \u00fcber nicht blicken und sonderlich viel w\u00e4rmer wurde es auch nicht mehr. Nach gut dreissig Kilometern gabs zum ersten Mal einen Blick aufs Meer. Eine Herde Schafe trottete \u00fcber die Wiese und dahinter konnte man schemenhaft im Dunst das Wasser erkennen. Eigentlich h\u00e4tte ich hier gestern \u00fcbernachten wollen&#8230; R\u00fcckblickend betrachtet war es wohl wirklich die beste Entscheidung gewesen, den Tag fr\u00fchzeitig zu beenden.<br \/>\nNachdem sich die Stra\u00dfe nun direkt in den Wind drehte wurden die kommenden Kilometer zur Kraftprobe. Zum Gl\u00fcck kamen immer wieder ein paar dichte W\u00e4lder, die den Wind ein wenig abhielten. Die sumpfige Gegend, wie ich sie noch aus Russland kannte ist nun g\u00e4nzlich verschwunden. Es wird viel Landwirtschaft betrieben. W\u00e4lder und Felder wechseln sich regelm\u00e4\u00dfig ab. Auch sieht man fast kaum noch Holzh\u00e4user, statt dessen sind die einfachen Bauernh\u00e4user nun aus Natursteinen aufgemauert.<br \/>\nSonderlich viel tut sich heute aber nicht, weder auf, noch neben der Stra\u00dfe. Ich trete ununterbrochen vor mich hin, habe streckenweise das Gef\u00fchl, dass die Kilometer nur im Zeitlupentempo verrinnen. Doch irgendwann ist die magische Halbzeit erreicht. Am Stra\u00dfenrand taucht dann auch noch ein kleines Lokal auf und ich kann meine kalten F\u00fc\u00dfe wieder aufw\u00e4rmen. Gest\u00e4rkt gehts in die zweite Runde, diesmal sogar mit leichtem R\u00fcckenwind, wenn auch nur f\u00fcr etwa eine Stunde. Felder, W\u00e4lder, Felder. W\u00e4lder&#8230; nur selten sieht man mal ein einzelnes Haus. Fast schon melancholisch ist die Gegend hier. Es zieht nun auch Nebel auf, sodass ein Gro\u00dfteil der Umgebung im dumpfen Grau verschwindet. Den ganzen Tag \u00fcber fahre ich schon mit Licht, die Signalweste leistet heute auch gute Dienste. Nach und nach komme ich meinem Ziel f\u00fcr heute n\u00e4her. Interessanterweise ist auf den Verkehrstafeln sogar die Entfernung nach Stockholm angeschrieben. Offenbar z\u00e4hlt die F\u00e4hre von Tallinn aus als offizielle &#8220;Stra\u00dfe&#8221;. Wenn das Wetter etwas besser w\u00e4re, w\u00fcrde ich wom\u00f6glich noch einen Abstecher nach Helsinki, oder Stockholm wagen, aber bei diesem tristen Herbsttagen verschiebe ich das lieber mal auf den Sommer.<br \/>\nNoch eine letzte Rast, die Schokoladenreserven vernichten und dann noch einmal f\u00fcr gut zwei Stunden in die Pedale treten. Es beginnt schon dunkel zu werden, als ich die Hauptstra\u00dfe verlasse und ins Gewerbegebiet von Tallinn einbiege. Zu allem \u00dcberfluss beginnt es auch noch zu regnen, doch das kann mich jetzt auch nicht mehr abhalten. Die letzten Meter gehts dann noch am Meer entlang. Stockdunkel liegt das Meer zur Rechten, nur die Brandung h\u00f6rt man ab und zu. Wind und Regen peitschen ins Gesicht, die Kr\u00e4fte lassen schon langsam nach, doch zum Gl\u00fcck sind es nur noch ein paar Kilometer bis zu Tiits Wohnung. F\u00fcr zwei N\u00e4chte werde ich mich bei Tiit und Signe, zwei begeisterten Tandemfahrern, einquartieren. Die halbe Stunde Wartezeit, bis Tiit aus der Arbeit zur\u00fcckkommt verbringe ich in der B\u00e4ckerei ums Eck. Es gibt Kakao, Sahnetorte und Schokoladencroissant. Willkommen zur\u00fcck in Europa!<br \/>\nBeim gemeinsamen Abendessen wird ausgiebig \u00fcbers Reisen geplaudert. Tiit und Signe haben ebenfalls vor, per Rad den Ozean bei China zu erreichen, gehen dieses Vorhaben allerdings etappenweise an. Sie sind immer f\u00fcr ein paar Wochen unterwegs, lassen ihr Rad dann meistens vor Ort und kehren bei der n\u00e4chsten Gelegenheit wieder dorthin zur\u00fcck und setzen die Reise fort. Im Moment steht das Tandem an der Grenze zu Georgien und wird wohl den Winter dort verbringen. Im kommenden Sommer gehts dann vermutlich durch Georgien nach Armenien. Bis die beiden schlussendlich den Ozean erreichen gehen sicherlich noch einige Sommer ins Land, aber irgendwann wird es auch so weit sein.<\/p>\n<h2>Tag 278 &#8211; 04.November<\/h2>\n<p>Tallinn: 1 Ruhetag; bisher gefahren 19.646km; 984:46h im Sattel<br \/>\nWarmshowers<\/p>\n<p>Der Husarenritt von gestern hatte ordentlich Energie gekostet. Ein Gl\u00fcck, dass ich in Tiits Haus vollkommen eigenst\u00e4ndig sein kann und mir daher auch ein paar Extrastunden Schlaf g\u00f6nnen konnte. Es ist immer wieder eine Freude, wenn man bei solch netten Menschen aufgenommen wird und sich von der ersten Minute fast wie zuhause f\u00fchlen kann.<br \/>\nNun war ich aber doch recht gespannt auf Tallinn, die Hauptstadt Estlands. Gut ein Drittel der gesamten Bev\u00f6lkerung lebt hier in der Stadt, wobei ganz Estland meines Wissens nach nur auf etwa 1.3 Millionen Einwohner kommt. In China w\u00fcrde das wohl gerade mal als mittelgro\u00dfe Stadt durchgehen&#8230; Um ehrlich zu sein, bin ich aber ganz froh, dass die Ma\u00dfst\u00e4be nun wieder etwas kleiner werden.<br \/>\nNach nur 10 Minuten Fu\u00dfmarsch war ich auch schon mitten drin in der Altstadt von Tallinn und f\u00fchlte mich gleich mal um ein paar Jahrhunderte zur\u00fcckversetzt. Als ob man sich in eine Zeitmaschine gesetzt h\u00e4tte, pl\u00f6tzlich wirkte alles so Mittelalterlich. Gut, die Autos durchbrachen vielleicht die Illusion ein wenig, aber sonst war es schon nahe dran. Fast alle Stra\u00dfen sind mit Kopfsteinpflaster belegt und kein modernes Haus sticht aus dem recht homogenen Stra\u00dfenbild heraus. Als ob die Stadt einfach im 15. Jahrhundert aufgeh\u00f6rt h\u00e4tte, sich zu entwickeln. Nachdem ich mal wieder v\u00f6llig unvorbereitet an die Sache herangegangen war, beschloss ich mich einer Stadtf\u00fchrung anzuschlie\u00dfen. Die sog. Free Tours werden in vielen St\u00e4dten angeboten, zuletzt hatte ich in Sofia an einer derartigen Tour teilgenommen. Erstaunlich viele Gleichgesinnte fanden sich zur Mittagszeit am Stadtplatz ein und schlie\u00dflich gab es von einer \u00fcberdurchschnittlich motivierten Studentin ein paar Hard Facts zu Tallinn, gespickt mit allerlei Anekdoten, die teilweise schon sehr an den Haaren herbeigezogen wirkten. Irgendwann war demnach f\u00fcr mich der Punkt erreicht, an dem ich mich wieder auf eigene Faust durch die Stadt bewegen wollte. Einen groben \u00dcberblick hatte ich ja schlie\u00dflich schon erhalten. Und meine Vermutung war richtig&#8230; Tallinn war wirklich im 15. Jahrhundert steckengeblieben. Einer der Russischen Zaren hatte Tallinn von der Liste der Handelspartner gestrichen und nachdem Tallinn nur mit Russland Handel betrieben hatte, bedeutete das einen grandiosen finanziellen Abstieg, der sich in einer \u00e4usserst reduzierten Baut\u00e4tigkeit widerspiegelte.<br \/>\nIch muss ja zugeben, historisch bin ich \u00fcber das Baltikum recht schlecht informiert. Wobei bei n\u00e4herer Betrachtung die Geschichte auch \u00e4usserst komplex ist. Fast j\u00e4hrlich wechselte die Besatzungsmacht, Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen w\u00e4hrten selten lange und als \u00e4usserst kleines Land war Estland meist der Spielball der Gro\u00dfen. Dennoch hatten sie es geschafft, sich von Russland loszusagen und schlussendlich unabh\u00e4ngig zu werden. Der Zerfall der Sowjetunion liegt ja noch im realen Ged\u00e4chtnishorizont und viele Einwohner Tallinns hatten die Sowjetzeit am eigenen Leib erfahren. Auch Tiit hatte beispielsweise zwei Jahre in der Sowjetischen Armee gedient und w\u00e4hrend dieser Zeit mehr oder weniger ganz Russland &#8220;erkundet&#8221;. Die meisten Leute hier sprechen auch noch Russisch, wobei zu meiner gro\u00dfen Freude nun auch der Einfluss des Englischen deutlich zunimmt. Im Supermarkt scheppern die Werbeansagen auf Estnisch und auf Russisch aus den Lautsprechern, in den Cafes und Restaurants wird man in bestem Englisch begr\u00fc\u00dft. So wie es aussieht ist die Zeit des &#8220;Lost in Translation &#8211; Feelings&#8221; vorbei.<br \/>\nObwohl die Altstadt sehr &#8220;historisch&#8221; wirkt, tut sich recht viel. Unz\u00e4hlige Cafes und Boutiquen, kleine L\u00e4den mit lokalen Designprodukten, nette Bars etc. reihen sich aneinander. Eine interessante und \u00fcberaus spannende Mischung. Leider dr\u00fcckt das leicht regnerische Wetter ein wenig die Stimmung, aber im Sommer macht es sicherlich Freude, sich durchs enge Gassengewirr treiben zu lassen.<br \/>\nNach einer Weile zieht es mich dann doch noch ans Meer. Von Tallinn aus gibts einen regen Schiffsverkehr nach Schweden und Finnland. Helsinki liegt mehr oder weniger direkt gegen\u00fcber von Tallinn und ist nur 80km Luftlinie entfernt. Nach Stockholm ist es ein klein wenig weiter, aber auch dorthin ist es nicht sonderlich weit. Die Verlockung ist gro\u00df, einfach auf die F\u00e4hre zu steigen, aber um ehrlich zu sein, h\u00e4lt mich das Wetter ein wenig zur\u00fcck. F\u00fcr mich gehts morgen weiter in den S\u00fcden. Noch ein Tag in Estland, dann gehts schon \u00fcber die Grenze nach Lettland. Drei Tage gem\u00fctliches Pedalieren, dann bin ich auch schon in Riga. Gem\u00fctlich &#8211; das hoffe ich jetzt mal&#8230; wenn der Wind morgen immer noch aus derselben Richtung bl\u00e4st wie heute, dann wird es doch etwas sportlicher.<br \/>\nIn Tiits Keller \u00fcberhole ich noch mal kurz mein Rad. Das feuchte Wetter setzt Schaltung und Kette schon sp\u00fcrbar zu. In jeder noch so feinen Ritze setzt sich Sand fest, sodass das Schaltwerk auf den letzten Kilometern schon ein wenig Schwierigkeiten gemacht hat. Ich hoffe mal, dass es die kommenden Tage ein wenig reibungsloser weitergeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 277 &#8211; 03.November J\u00f6hvis &#8211; Tallinn: 174km; 8:06h im Sattel; 5 &#8211; 7 Grad, bedeckt \/ Nebel \/ Regen Warmshowers \u00dcber Nacht hatte es sich zum Gl\u00fcck ausgeregnet und ich konnte die l\u00e4ngste Tagesetappe der vergangenen Wochen in Angriff nehmen. 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