{"id":2612,"date":"2014-11-17T22:32:44","date_gmt":"2014-11-17T20:32:44","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=2612"},"modified":"2014-11-19T18:32:44","modified_gmt":"2014-11-19T16:32:44","slug":"tag-290-291-schleichweg-an-die-kuste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=2612","title":{"rendered":"Tag 290 \/ 291: Schleichweg an die K\u00fcste"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 290 &#8211; 16.November<\/h2>\n<p>Gdansk &#8211; Slawno: 154km; 6:25h im Sattel; 2 -5 Grad, bedeckt<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Es ist Sonntagmorgen und die Stadt ist wie ausgestorben. Kaum Autos auf der Stra\u00dfe und die Gehwege menschenleer. Nur ein paar M\u00f6wen kreisen \u00fcber mir, der einzige Hinweis darauf, dass das Meer nur einen Steinwurf entfernt ist. Die Sicht ist leider so schlecht, dass ich auch nicht im Zur\u00fcckblicken das Meer erkennen k\u00f6nnte. Vom Altstadtkern aus geht es von nun an n\u00e4mlich stetig bergauf. Wenn auch sehr gem\u00e4chlich, so n\u00e4here ich mich fast wieder der H\u00f6he an, auf der ich mich in den Masuren bewegt hatte. Das Thermometer zeigt feuchtkalte zwei Grad und schon nach einer halben Stunde Fahrt werden meine Zehen kalt. Na das kann ja heiter werden&#8230;<br \/>\nRasch habe ich das Stadtgebiet von Gdansk hinter mir gelassen und tauche nun wieder ein in die altbekannte graue Landschaftsmonotonie. Die Alleen werden lockerer und streckenweise gibt es gar keine B\u00e4ume mehr neben der Stra\u00dfe. Die Sonne l\u00e4sst sich auch heute den ganzen Tag \u00fcber nicht ein einziges Mal blicken. Einziger Lichtblick ist der angenehm kr\u00e4ftige R\u00fcckenwind.<br \/>\nIm Bezirk Pommern, in dem ich mich momentan befinde, werden heute offenbar Regionalwahlen abgehalten. Die zahlreichen Wahlplakate sind mir in Gdansk bereits aufgefallen, hier im Umland nimmt die Dichte sogar noch zu. In fast jedem Dorf das ich durchfahre stehen kleinere Gruppen vor den Wahllokalen. Meist wird der Gang zur Kirche mit dem Wahlgang verbunden, oder verbindet man den Wahlgang mit einem Kirchgang? Wie auch immer, die Parkpl\u00e4tze vor den Kirchen sind gut besucht &#8211; vermutlich aber alles Einheimische, welche die 500m bis zur Kirche nicht zu Fu\u00df gehen wollten. Die meisten D\u00f6rfer sind n\u00e4mlich nicht sonderlich gro\u00df, binnen wenige Minuten ist man von einem Ende zum anderen geradelt. Aber auch hier misst man dem Auto eine enorm hohe Bedeutung zu. Selbst wenn das Wohnhaus noch lange nicht fertiggebaut ist, die Fassade zum Beispiel schon seit Jahren auf die Verputzarbeiten wartet, vor dem Haus steht in der Regel ein blitz blank poliertes Auto. Die Selbstbedienungs- Waschanlagen, welche 24 Stunden am Tag ge\u00f6ffnet haben sind auch an diesem tristen Herbstsonntag gut besucht. Mein Rad sollt eigentlich auch mal wieder gewaschen werden, doch bisher war es eigentlich fast immer so, dass es am Folgetag meiner Fahrradw\u00e4sche zu regnen begonnen hatte. Nachdem ich Regen im Moment wei\u00df Gott nicht brauchen kann, fahre ich einfach noch mit dem Staub der letzten 3000km durch die Gegend.<br \/>\nVon Gdansk aus fahre ich heute das l\u00e4ngste St\u00fcck auf der B 211 und sto\u00dfe erst kurz vor Slupsk wieder auf die Schnellstra\u00dfe, die direkt bis nach Stettin f\u00fchrt. Kurz hinter Slupsk \u00fcberfahre ich scheinbar die Bezirksgrenze, denn die Wahlplakate sind pl\u00f6tzlich wie vom Erdboden verschluckt. Endlich kann man wieder die Umgebung genie\u00dfen, ohne laufend in mehr oder minder attraktive Politikergesichter blicken zu m\u00fcssen. Auch wenn es sich scheinbar nur um Regionalwahlen handelt, ein bisschen mehr M\u00fche f\u00fcr gute Portraitaufnahmen k\u00f6nnte man sich schon geben. Und wenn schon das Bild nicht gut ist, dann zumindest noch ein wenig Retusche&#8230;<br \/>\nIch befinde mich nun also in Westpommern und bin auf dem besten Weg die Ostsee zu erreichen. Morgen sollte ich am Nachmittag schon am Strand stehen k\u00f6nnen. Erinnerungen an meine ersten Kilometer in Ungarn und Serbien kommen immer wieder auf. Am Stra\u00dfenrand h\u00e4ufen sich die toten Tiere. Einige F\u00fcchse, Eichh\u00f6rnchen, Katzen und Wildschweine bekomme ich heute zu Gesicht, die bei Versuch, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren die Macht des motorisierten Verkehrs untersch\u00e4tzt haben. Gegen Nachmittag wird der Streckenverlauf wieder ein wenig flacher. Den ganzen Vormittag \u00fcber gings kontinuierlich auf und ab. Erstaunlich, dass man auch in dieser Umgebung, die man gemeinhin als eher flach einsch\u00e4tzen w\u00fcrde dann doch beachtlich viele H\u00f6henmeter sammelt.<br \/>\nTrotz weiterhin gutem R\u00fcckenwind beschie\u00dfe ich in Slawno eine Unterkunft zu suchen. Gestern noch hatte ich drei potentielle Herbergen ausgekundschaftet, die ich nun in der Reihenfolge der Zimmerpreise abklappere. Zum Schluss bleibt mir dann aber gar keine Wahl, denn die ersten beiden hatten offenbar schon die Wintersaison eingel\u00e4utet, also Fenster und T\u00fcren verriegelt. Im einzigen Hotel des Ortes kann ich dann zumindest noch ein wenig \u00fcber den Preis verhandeln. Ich hatte die Wahl eines Hotels dann auch nicht bereut, denn am fr\u00fchen Abend begann es dann noch zu regnen und das obwohl ich mein Rad nicht einmal gewaschen hatte&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Tag 291 &#8211; 17.November<\/h2>\n<p>Slawno &#8211; Niechorze: 150km; 6:51h im Sattel; 6 &#8211; 7 Grad, bedeckt<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Nachdem es fast die ganze Nacht geregnet hatte empfing mich der dunkle Morgen immerhin trocken. Ein Gl\u00fcck, denn nun konnte ich meine Alternativroute in Angriff nehmen. Gestern hatte ich noch ein wenig die Karte studiert und mir eine Route in K\u00fcstenn\u00e4he ausgekundschaftet. Sicherlich nicht unbedingt der direkteste Weg, doch ich versprach mir davon ein paar ruhige und abgeschiedene Strecken. Immerhin hatte ich bisher fast nur gutes von der polnischen Ostsee geh\u00f6rt, doch gesehen habe ich bisher noch nichts davon. Nun gings also erst einmal &#8220;hinauf&#8221; in Richtung Darlowo. Dort angekommen war die Neugierde dann doch zu gro\u00df und ich unternahm noch einen kleinen Abstecher bis an die K\u00fcste. Der Ort selbst liegt gut f\u00fcnf Kilometer von der K\u00fcste entfernt, besitzt allerdings mit einem Kanal schon fast einen Meerzugang. Am Meer selbst findet sich dann noch einmal ein kleiner Fischerort, der offenbar im Sommer eine gro\u00dfe Touristenattraktion darstellt. Die Souvenierl\u00e4den und die Imbissbuden sind nun in Planen eingepackt, vor dem nahenden Winter gesch\u00fctzt und warten auf die kommende Saison. Am Kanal gehts wieder zur\u00fcck nach Darlowo und nun weiter in Richtung Koszalin. Ich schlage also einen ordentlichen Haken um die Bundesstra\u00dfe zu vermeiden, werde daf\u00fcr allerdings mit \u00e4usserst idyllischen Stra\u00dfen verw\u00f6hnt. Was sich anfangs recht simpel anh\u00f6rt entpuppt sich vor Ort als relativ schwierig. Ich radle nun schon seit einiger Zeit relativ nahe an der K\u00fcste, konnte aber &#8211; abgesehen vom Abstecher bei Darlowo &#8211; noch nicht wirklich einen Blick aufs Meer werfen. Es liegen stets in paar Kilometer zwischen Stra\u00dfe und K\u00fcste. Doch so einfach gebe ich mich nicht geschlagen&#8230; Ich biege von der Landstra\u00dfe ab und holpere nun auf einer Art befestigtem Feldweg weiter. Der Abstecher hatte sich gelohnt, denn nun komme ich nach Lazy und kann von dort aus gut 10km auf einem etwa 500m breiten Landst\u00fcck radeln. Das Meer kann man nun schon riechen, doch um einen Blick darauf zu werfen muss ich das Rad abstellen und \u00fcber die D\u00fcnenkrone wandern. Ein traumhaft sch\u00f6ner Sandstrand liegt hinter den D\u00fcnen versteckt. Es gibt kaum Wellengang und auch das Ufer ist fast v\u00f6llig frei von Treibgut. Der Sand ist noch nass vom n\u00e4chtlichen Regen und kurzzeitig hat es sogar den Anschein, dass der Himmel ein wenig aufreisst, doch das war offenbar nur ein sehr kurzes Intermezzo, denn nun beginnt es statt dessen leicht zu regnen. Ich lasse mir die Stimmung dadurch aber nicht verderben und radle munter weiter. mal blitz rechts das Meer durch die Baumreihen hindurch, mal gibt das Schilf auf der Linken den Blick frei auf den angrenzenden See.<br \/>\nVon nun an gehts immer parallel zur K\u00fcste dahin. Autoverkehr gibts hier fast keinen mehr und nachdem ich bei Mrzezyno noch einmal von der Hauptstra\u00dfe abbiege lande ich auf grobem Kopfsteinpflaster, nun v\u00f6llig ohne Verkehr. Den eigentlichen Grund daf\u00fcr sollte ich nach gut 20 Minuten Fahrt erfahren. Auf der Karte verl\u00e4uft die Uferstra\u00dfe ohne Unterbrechung bis nach Rewal, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine Sackgasse, da etwa auf halber Strecke sich eine Kaserne befindet. Vier Wachleute geben Acht, dass die Schranke nur von autorisierten Personen passiert wird, doch zum Gl\u00fcck gibts einen Schleichweg um die Kaserne herum. Es geht \u00fcber lockeren Waldboden zur\u00fcck auf eine Kiesstra\u00dfe, die dann nach ein paar Kilometern im Wald wieder auf die Kopfsteinpfaster-Stra\u00dfe trifft. F\u00fcr den Rest des Tages werde ich noch einmal ordentlich durchgesch\u00fcttelt, doch im Grunde ist dies fast nebens\u00e4chlich, weil die Umgebung ohnehin meine volle Aufmerksamkeit erh\u00e4lt. So in etwa hatte ich mir die polnische Ostsee vorgestellt. Mein kleiner Umweg hatte sich voll und ganz ausgezahlt. Abgeschieden, ruhig und v\u00f6llig idyllisch gehts entlang des K\u00fcstenstreifens dahin. Aufgrund der vielen Pausen unter Tags holt mich am Abend dann fast noch die D\u00e4mmerung ein.<br \/>\nIn Niechorze hatte ich mir gestern noch ein Zimmer reserviert, doch offenbar war dies nicht bis zu den Angestellten vorgedrungen. Das Hotel schien ausgestorben, doch nach einem kurzen Telefonat erschien dann doch ein \u00fcberaus gut gelaunter Rezeptionist. Auf G\u00e4ste war er heute aber nicht eingestellt, auch die Zimmer waren nicht beheizt und zu allem \u00dcberfluss waren offenbar gerade die Thermostate defekt. W\u00e4hrend ich mich am einzigen funktionierenden Heizk\u00f6rper im Gang aufw\u00e4rmte, arbeiteten die beiden Hotelangestellten eifrig daran, die Heizung in meinem Zimmer zum Laufen zu bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 290 &#8211; 16.November Gdansk &#8211; Slawno: 154km; 6:25h im Sattel; 2 -5 Grad, bedeckt Hotel Es ist Sonntagmorgen und die Stadt ist wie ausgestorben. Kaum Autos auf der Stra\u00dfe und die Gehwege menschenleer. Nur ein paar M\u00f6wen kreisen \u00fcber mir, der einzige Hinweis darauf, dass das Meer nur einen Steinwurf entfernt ist. 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