{"id":2619,"date":"2014-11-20T10:09:23","date_gmt":"2014-11-20T08:09:23","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=2619"},"modified":"2014-11-20T10:10:16","modified_gmt":"2014-11-20T08:10:16","slug":"tag-292-293-und-dann-werden-die-augen-feucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=2619","title":{"rendered":"Tag 292 \/ 293: Und pl\u00f6tzlich werden die Augen feucht"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 292 &#8211; 18.November<\/h2>\n<p>Niechorze &#8211; Glienke: 159km; 6:41h im Sattel; 5 &#8211; 7 Grad, bedeckt \/ Nieselregen<br \/>\nPension<\/p>\n<p>Zur Vers\u00f6hnung f\u00fcr das kalte Zimmer von gestern gabs zu fr\u00fcher Stunde ein \u00fcberaus ausgiebiges Fr\u00fchst\u00fcck im angrenzenden Lokal. Der Kellner erz\u00e4hlt mir, dass Herbst- \/ Wintertourismus auch hier im Ort nicht sonderlich stark verbreitet ist, trotzdem hat das Hotel den gesamten Winter \u00fcber ge\u00f6ffnet. Haupts\u00e4chlich werden aber anstehende Reparaturen, oder Umbauten durchgef\u00fchrt, G\u00e4ste verirren sich nur \u00e4usserst selten ins Hotel.<br \/>\nDer Ort Niechorze, ein klassischer Sommerbadeort, besteht zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Hotels, Pensionen und Ferienh\u00e4usern, welche nun fast alle komplett geschlossen sind und auch s\u00e4mtliche dazugeh\u00f6rigen Anlagen befinden sich schon in Winterstarre. Trotzdem gibt es noch ein paar unerschrockene H\u00e4ndler, die auf der zentralen Flanierstra\u00dfe Sandspielzeug, Luftmatratzen und Sonnenschirme verkaufen. immerhin wurde aber das sommerliche Sortiment um Daunenjacken, M\u00fctzen und Handschuhe erweitert. Eine eigenartige Stimmung herrscht an solchen Orten, die nur zu einer ganz speziellen Zeit des Jahres gut besucht sind.<br \/>\nNoch ein letzter Blick aufs Meer, dann suchte ich mir wieder den Weg zur\u00fcck auf die Bundesstra\u00dfe, die mich heute in Richtung der Deutschen Grenze f\u00fchren sollte. F\u00fcr heute hie\u00df es also Abschied nehmen von Polen. Auf der relativ schwach befahrenen Bundesstra\u00dfe gehts ziemlich z\u00fcgig in Richtung der Insel Usedom. Ein kleiner Teil der Insel ist noch Polen, der gr\u00f6\u00dfere Teil allerdings schon Deutschland. F\u00fcr die Bewohner von Swinoujscie, dem polnischen Ort auf der Insel, gibt es eine kostenlose F\u00e4hrverbindung \u00fcber den Kanal. Alle 20 Minuten legt ein Schiff ab und bringt Fu\u00dfg\u00e4nger, Radfahrer und PKWs aufs gegen\u00fcberliegende Ufer. Noch einmal hei\u00dft es also \u00fcbersetzen&#8230; Gerade eben verl\u00e4sst ein gro\u00dfes F\u00e4hrschiff den Hafen in Richtung Ystad, oder Koppenhagen &#8211; man k\u00f6nnte also auch von hier aus gleich weiter in den Norden starten. Vielleicht ein ander mal, jetzt gehts mal erst zur\u00fcck in die Heimat!<br \/>\nInteressanterweise hatte ich den ganzen Tag \u00fcber erstaunlich wenige Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen gesehen, was man eigentlich im grenznahen Gebiet erwarten w\u00fcrde. Doch obwohl man nun schon fast in Deutschland ist, sieht man auch hier im Ort nur \u00e4usserst wenige Autos mit deutschen Kennzeichen. Einziger Hinweis auf die Grenzn\u00e4he sind die Hinweistafeln in den Gesch\u00e4ften, dass hier der Euro als Zahlungsmittel akzeptiert wird &#8211; mal ganz was neues, weil man sonst sehr auf die Landesw\u00e4hrung setzt. Ich tausche noch schnell meine letzten polnischen M\u00fcnzen gegen Geb\u00e4ck und radle dann gleich weiter in Richtung Grenze. Schon nach ein paar Minuten Fahrt ist der &#8220;Grenzfluss&#8221; erreicht. Ein kleiner Graben, auf der einen Seite ein deutscher Grenzstein, auf der anderen Seite ein polnischer.<br \/>\nUnd dann&#8230; praktisch aus dem Nichts heraus fange ich pl\u00f6tzlich an zu lachen und gleichzeitig werden die Augen feucht&#8230; V\u00f6llig \u00fcberraschend \u00fcberkommt mich ein Gef\u00fchl der puren Freude. Wieder zur\u00fcck in Deutschland&#8230; auch wenn es noch gut 1000km sind, bis ich wirklich zuhause bin, aber zum ersten Mal seit 10 Monaten wieder deutschen Boden zu betreten l\u00f6st offenbar doch tief liegende Gef\u00fchle aus. Psychologisch betrachtet w\u00fcrde man das wahrscheinlich als emotionale \u00dcberforderung beschreiben, ich selbst fand es r\u00fchrend und \u00fcberraschend gleichzeitig. Immer wieder \u00fcberkommt mich ein Lachanfall und die Augen tuen es dem gerade einsetzenden Nieselregen gleich. Nicht im Traum h\u00e4tte ich daran gedacht, dass ein simpler Grenz\u00fcbertritt derart intensive Gef\u00fchle hervorrufen kann. Pl\u00f6tzlich wirkt alles wieder so vertraut, die Zusatztafeln unter den Verkehrsschildern, die Firmenreklamen an den Gartenz\u00e4unen, die Werbeplakate etc. &#8211; alles kann man nun wieder lesen und muss sich deren Bedeutung nicht mehr konstruieren. Landschaftlich \u00e4ndert sich erwartungsgem\u00e4\u00df nicht viel, ausser dass nun die Alleeb\u00e4ume von einer Leitplanke gesch\u00fctzt werden &#8211; oder die Verkehrsteilnehmer vor den Alleeb\u00e4umen, je nachdem wie man es sehen will.<br \/>\nNach etwa einer Stunde Fahrt erreiche ich Usedom, einen kleinen beschaulichen Ort auf der gleichnamigen Insel. Viel tut sich nicht, doch immerhin hat ein kleines Cafe am Ortsrand ge\u00f6ffnet. Zum ersten Mal wieder in der eigenen Sprache etwas bestellen und mit dem Personal ein wenig plaudern &#8211; direkt ein wenig ungewohnt, aber unbeschreiblich angenehm. Willkommen zur\u00fcck, denke ich mir.<br \/>\nEtwas, was ich in den letzten Monaten oft wirklich sehr vermisst hatte, war das ungehemmte Reden in der eigenen Sprache. Es scheint, dass zumindest f\u00fcr mich die sprachliche Verwurzelung doch noch sehr stark ist, dementsprechend gut f\u00fchlt es sich nun wieder an, sich mit praktisch jedem wieder unterhalten zu k\u00f6nnen und wenn es nur ein paar beil\u00e4ufige Worte an der Kasse im Supermarkt sind.<br \/>\nUm morgen Abend in Berlin ankommen zu k\u00f6nnen muss ich heute noch ein paar Kilometer zur\u00fccklegen. Dabei kommt mir zu gute, dass hier im &#8220;Westen&#8221; die Sonne sp\u00fcrbar sp\u00e4ter untergeht. In den vergangenen Wochen habe ich mich doch kr\u00e4ftig in Richtung Westen bewegt, dorthin wo die Sonne untergeht, und nachdem ich immer noch zur selben Zeit aufstehe bleibt mir zum Schluss des Tages einfach noch mehr. Vor einer Woche w\u00e4re es bereits stockdunkel gewesen, doch nun erreiche ich noch in der ansetzenden D\u00e4mmerung eine kleine Pension, gut 15km von Neu Brandenburg entfernt. Dieses Mal ist das Zimmer angenehm temperiert und ich kann mich in der angrenzenden Gastwirtschaft mit einem lange ersehnten Weizenbier belohnen. Von diesem Moment habe ich bereits in China getr\u00e4umt&#8230; Im Hintergrund l\u00e4uft Antenne Bayern im Radio und vor den gro\u00dfen Fenstern durchschneiden ab und an ein paar helle Lichtkegel das Schwarz der Nacht. Sch\u00f6n, wieder zur\u00fcck zu sein!<\/p>\n<h2>Tag 293 &#8211; 19.November<\/h2>\n<p>Glienke &#8211; Berlin: 160km, 7:07h im Sattel; 3 &#8211; 5 Grad, bedeckt<br \/>\nPrivater Gastgeber<\/p>\n<p>Den westlichsten Punkt meiner Reise habe ich nun erreicht, was man beim morgendlichen Start gleich deutlich zu sp\u00fcren bekommt. Ich radle eine halbe Stunde in der Dunkelheit, bevor es langsam hell wird. Sonne gibt es auch heute keine zu bewundern, aber daran habe ich mich jetzt ja fast schon gew\u00f6hnt. Die drei Grad Aussentemperatur f\u00fchlen sich dank der niedrigeren Luftfeuchtigkeit weit w\u00e4rmer an, als in den letzten Tagen. Heute gilts also&#8230; der Sturm auf Berlin beginnt. Ich habe mir f\u00fcr die heutige Etappe nicht sonderlich viel M\u00fche gegeben und beschlossen, haupts\u00e4chlich der B96 zu folgen. Von Usedom aus w\u00fcrde zwar ein Radweg nach Berlin f\u00fchren, doch aufgrund der ziemlich feuchten Witterungsverh\u00e4ltnisse der vergangenen Tage zog ich den trockenen und v.a. festen Untergrund der Bundesstra\u00dfe vor. Gerade im Herbst sind die vielen Feldwege doch immer ein bisschen riskant zu befahren und im Grunde hie\u00df das Tagesziel heute schlichtweg BERLIN.<br \/>\nStreckenweise wurde es ziemlich eng auf der B96 und hinter mir bildete sich immer wieder eine l\u00e4ngere Schlange an LKWs oder unentschlossenen PKWs, doch das st\u00f6rte nicht weiter. Immer wieder konnte man dann auch auf einen schmalen Radweg parallel zur Stra\u00dfe ausweichen. Manchmal ist das zwar ein wenig m\u00fchsam, weil man die Augen ziemlich offen halten muss, um die Abzweigungen zu erkennen, aber prinzipiell ist es schon eine feine Sache, wenn man v\u00f6llig ungest\u00f6rt neben dem Hauptverkehr radeln kann.<br \/>\nEs geht heute durch die Mecklenburgische Seenplatte, \u00e4hnlich wie die Masuren in Polen auch eine recht h\u00fcgelige Gegend. Von den vielen Seen bekomme ich aber leider nur ein paar wenige zu Gesicht, die meisten verstecken sich hinter den vielen H\u00fcgeln und im dichten Buchenwald. Im graufahlen Licht des Tages ist das rotbraune Laub der Buchenw\u00e4lder ein richtiges Highlight. Das Farbspektrum ist sonst &#8211; wie schon in den vergangenen Tagen &#8211; sehr minimalistisch.<br \/>\nDer seit ein paar Tagen vorherrschende Ostwind unterst\u00fctzt mich auch heute noch ein wenig und so komme ich recht gut voran. Die B96 wird zwischendurch zur Autobahn, ich weiche \u00fcber die Dorfstra\u00dfen aus und Berlin r\u00fcckt immer n\u00e4her. Noch kurz ein Mittaggsstop in einer Dorfkantine, die haupts\u00e4chlich von den \u00f6rtlichen Handwerkern besucht wird. S\u00e4mtliche Lokale bisher \u00f6ffneten erst ab 11:30 die K\u00fcche, hier hat die K\u00fcche nur bis 13 Uhr ge\u00f6ffnet, f\u00e4ngt daf\u00fcr schon um 6 Uhr morgens an&#8230; da ticken die Uhren noch ein wenig anders.<br \/>\nAuf gehts in die finalen 50km bis in die Bundeshauptstadt. Kurzzeitig beginnt es noch einmal leicht zu regnen, doch nachdem sich das in den letzten Tagen auch recht schnell wieder aufgel\u00f6st hat, hoffte ich einfach, dass es heute sich \u00e4hnlich verhalten w\u00fcrde. Viele Ortsnamen auf den Wegweisern wirken bereits sehr vertraut. Es geht durch Oranienburg und man hat das Gef\u00fchl, fast schon da zu sein. Unglaublich viele Leute sind mit dem Fahrrad unterwegs, man sieht fast jede Altersgruppe mit dem Rad. Im ersten Moment sieht es fast so aus, als ob im Vergleich zu den bisher bereisten L\u00e4ndern in Deutschland das Rad am popul\u00e4rsten ist. Da ist es nun auch logisch, dass das Netz an Radwegen, oder eigenen Fahrradspuren sehr dicht ist. Manchmal muss man sich zwar mit den Fu\u00dfg\u00e4ngern den etwas holprigen Gehsteig teilen, doch immerhin gibt es ein Empfinden f\u00fcr Radfahrer im Stra\u00dfenverkehr.<br \/>\nAm fr\u00fchen Nachmittag ist die Stadtgrenze von Berlin erreicht. Ich komme von Norden aus in die Stadt und \u00fcberquere mit der Stadtgrenze auch gleichzeitig die fr\u00fchere Grenze des Eisernen Vorhangs. Erst mal gehts noch durch Buchenw\u00e4lder doch dann beginnt sch\u00f6n langsam die Stadt. Zum ersten Mal gehts in eine Gro\u00dfstadt, die mir nicht v\u00f6llig fremd ist. Die Stadteinfahrt von Norden ist f\u00fcr mich zwar eine neue Erfahrung, doch nachdem ich Charlottenburg erreicht hatte, kam mir alles wieder sehr vertraut vor. Am Ernst Reuter Platz f\u00e4dle ich mich in die zentrale Achse Berlins ein, drehe eine Ehrenrunde um die Siegess\u00e4ule und steuere dann das Brandenburger Tor an. Hundertfach schon gesehen, aber heute war das alles irgendwie viel spezieller. Mit dem Rad durchs Brandenburger Tor und dann ab durch die Mitte. Entlang der Friedrichstra\u00dfe gehts in Richtung Kreuzberg, zum G\u00f6rlitzer Park. Hier werde ich schon von Manni erwartet, der mich &#8211; wie so oft schon &#8211; f\u00fcr ein paar Tage in der Stadt aufnehmen wird.<br \/>\nEin herrliches Gef\u00fchl, nach fast vier Wochen auf dem Rad in Berlin angekommen zu sein. Was mich immer noch am allermeisten bewegt ist die Tatsache, dass man pl\u00f6tzlich wieder versteht, was um einem herum gesprochen wird. Noch wirkt das alles ein wenig ungewohnt, doch ich empfinde das einmal als \u00e4usserst angenehme Irritation. Nun stehen ein paar Tage Erholung in der Stadt an. Es gilt ein paar Freunde zu besuchen und Energie zu tanken f\u00fcr die letzte gro\u00dfe Etappe bis nach Bayern. Von Moskau bis nach Berlin in nur 27 Tagen, das \u00fcberrascht mich selbst ein wenig, aber wenn das Rad mal l\u00e4uft sollte man es nicht bremsen. Der Winter k\u00fcndigt sich an und es wird langsam Zeit heimzukommen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 292 &#8211; 18.November Niechorze &#8211; Glienke: 159km; 6:41h im Sattel; 5 &#8211; 7 Grad, bedeckt \/ Nieselregen Pension Zur Vers\u00f6hnung f\u00fcr das kalte Zimmer von gestern gabs zu fr\u00fcher Stunde ein \u00fcberaus ausgiebiges Fr\u00fchst\u00fcck im angrenzenden Lokal. 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