{"id":673,"date":"2014-02-27T22:49:40","date_gmt":"2014-02-27T21:49:40","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=673"},"modified":"2014-02-27T22:49:40","modified_gmt":"2014-02-27T21:49:40","slug":"tag-2627-immer-offen-fur-zufalliges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=673","title":{"rendered":"Tag 26\/27: immer offen f\u00fcr Zuf\u00e4lliges"},"content":{"rendered":"<h2>Tag 26<\/h2>\n<p>Derince &#8211; Hendek: 80km; 3:24h im Sattel; 6 Grad, bew\u00f6lkt <span style=\"line-height: 1.5em;\">Hotel<\/span> Mit einem unbeschreiblichen Gef\u00fchl der Dankbarkeit starteten wir heute zur n\u00e4chsten Etappe. Zum Fr\u00fchst\u00fcck bekochte uns der Vater von Kurtulus noch mit einem k\u00f6stlichen Familiengericht aus Tomaten, Kr\u00e4utern, K\u00e4se und Ei. Leider war den Besuch der staatlichen Schule heute wegen der Lehrerproteste ausgefallen. Daf\u00fcr hatten wir noch eine ausgiebige Unterhaltung mit dem Schwager von Kurtulus. So oft haben wir jetzt schon geh\u00f6rt, wie gro\u00df der Wunsch vieler T\u00fcrken eigentlich ist, Erfahrungen im Ausland zu sammeln, oder auch in fremde L\u00e4nder zu reisen. Leider ist das f\u00fcr den Gro\u00dfteil der T\u00fcrken weiterhin nur ein Traum. Mir wird immer mehr bewusst, wie ausserordentlich meine Situation aktuell ist. Die Chance, f\u00fcr so lange Zeit unterschiedlichste L\u00e4nder zu bereisen gibt es nicht oft. Ich bin in der privilegierten Postion nahezu jedes Land meiner Wahl bereisen zu k\u00f6nnen und kann mir auch die Zeit dazu nehmen. F\u00fcr viele ist das leider nicht m\u00f6glich. Der Abschied aus Derince fiel fast ein bisschen schwer. So herzlich wurden wir hier aufgenommen, doch es liegt noch ein weiter Weg vor mir&#8230; Da wir erst am sehr sp\u00e4ten Vormittag starteten, war uns klar, dass es heute nur eine kurze Tagesetappe werden w\u00fcrde. Der Regen hatte Gottseidank aufgeh\u00f6rt. Die Stra\u00dfen trockneten bereits wieder auf. Martin beschloss dennoch, f\u00fcr sein Rennrad Schutzbleche zu basteln. Ich nutzte den Stop an der Tankstelle und lie\u00df mein Rad samt Packtaschen kurz mit dem Hochdruckreiniger s\u00e4ubern. Ein kurzer Fingerdeut, ein Kopfnicken und ein breiter Grinser gen\u00fcgte, um den Mitarbeiter der Tankstelle davon zu \u00fcberzeugen, die Autoreinigung kurz zu unterbrechen und den Wasserstrahl auf mein Rad zu lenken. Mit einem gl\u00e4nzendem Rad ging es wieder auf die D 100. Die LKWs brausten ununterbrochen an uns vorbei. Der Himmel war leider wolkenverhangen, trotzdem konnte man schon in der Ferne bl\u00fchende Obstplantagen erkennen. Wir passierten gerade einen gro\u00dfen See (Sapanca G\u00f6l\u00fc), um den herum offensichtlich viel Obst angebaut wird. Das wei\u00dfe Bl\u00fctenmeer der Plantagenb\u00e4ume lie\u00df das Grau in Grau der letzten Stunden vergessen. In einem traumhaft einfachen Lokal st\u00e4rkten wir uns schlie\u00dflich in Mitten von Mechanikern, LKW Fahrern und Schwei\u00dfern aus der Gegend. Suppe, Hauptspeise, Dessert, Getr\u00e4nke etc. also das volle Programm f\u00fcr 5 EUR pro Person. Die perfekte Unterlage f\u00fcr die finalen 30km. Im Hotel angekommen begann gleich der gro\u00dfe Waschgang. Ein gro\u00dfer Heizk\u00f6rper war Garantie genug, die Klamotten bis morgen wieder trocken zu bekommen.<\/p>\n<h2>Tag 27<\/h2>\n<p>Hendek &#8211; Bolu: 91km; 4:32h im Sattel; 0-8 Grad, bew\u00f6lkt Hotel Die kurze Etappe gestern war f\u00fcr mich gerade recht. In den letzten Tagen war ich nur zu sehr wenig Schlaf gekommen. Die Reserven konnten dank fr\u00fcher Bettruhe jetzt wieder gef\u00fcllt werden. Mit der Erwartung einer anstrengenden Etappe fiel das Fr\u00fchst\u00fcck recht ausgiebig aus. Gut gelaunt schwangen wir uns auf die R\u00e4der. F\u00fcr heute hatte ich mir vorgenommen, ein paar Unterrichtseinheiten T\u00fcrkisch im MP3 Player anzuh\u00f6ren. Leider ist die Leistung der Kopfh\u00f6rer sehr beschr\u00e4nkt. Bei dem aktuellen Verkehrsaufkommen ist praktisch nichts zu verstehen. Frustriert packte ich am Gipfel des ersten kleinen Anstieges den Player wieder ein. Just in dem Moment riefen uns ein paar Schulkinder von der anderen Stra\u00dfenseite aufgeregt zu. Kurzentschlossen wechselte ich die Stra\u00dfenseite und versuchte mit ihnen ein wenig zu plaudern. Binnen weniger Minuten war ich von gut 30 Kindern umringt. Eilig versuchten die Kinder die Englischlehrerin aus dem Schulgeb\u00e4ude ins Freie zu bringen. Nachdem die ersten wichtigen Fragen der Kinder (woher, wohin, wie alt&#8230;) gekl\u00e4rt waren, lud uns Aisha &#8211; die Englischlehrerin &#8211; ein, die Schule zu besuchen. Die Freude war auf allen Seiten sehr gro\u00df. Wir besuchten nacheinander jede der 7 Klassen. Obwohl eigentlich regul\u00e4rer Unterricht stattfand wurden wir in jeder Klasse aufgeregt empfangen. Die wenigen Englischvokabeln, die die Kinder bisher verinnerlicht hatten wurden ausgepackt. Aber schon nach kurzer Zeit \u00fcberschlugen sich die Fragen in T\u00fcrkisch und Aisha hatte alle H\u00e4nde voll zu tun, uns die Fragen zu \u00fcbersetzen. Die Kinder freuten sie riesig, Besuch aus dem Ausland zu bekommen. Auch Aisha war uns sehr dankbar f\u00fcr die Zeit, die wir uns genommen hatten. Sie ist die einzige Englischlehrerin an der Schule (ca. 150 Sch\u00fcler). Das Lernniveau ist relativ gering, es fehlt g\u00e4nzlich an M\u00f6glichkeiten, Englischkommunikation zu f\u00f6rdern&#8230; Nachdem uns das Lehrerkollegium \u00fcberredet hatte, zumindest noch bis zum Mittagessen zu bleiben, stiegen wir wieder auf die R\u00e4der. Der Schulhof war voll mit Kindern, die uns freudestrahlend und eifrig winkend verabschiedeten. Wer auch immer einmal an der \u00f6rtlichen Schule von Beylice vorbeikommt, soll bitte kurz dort vorbeischauen! Besuch wird immer sehr herzlich aufgenommen&#8230; Die n\u00e4chsten Kilometer pedalierte ich mit einem breiten Grinser durch die Gegend. Die Freude der Sch\u00fcler und Lehrer \u00fcber unseren Kurzbesuch war ansteckend. Kurz hinter Beylice vollzog sich dann der lange erwartete Wandel der Landschaft. Die ersten H\u00fcgelketten s\u00e4umten die Stra\u00dfe zu beiden Seiten. In der Ferne waren bereits die ersten schneebedeckten Berge zu erkennen. Kurz hinter Kaynasli fing die Stra\u00dfe an, sich gen Himmel zu richten. Zuvor hatten wir aber noch ein sehr lustiges Zusammentreffen mit drei Schulkindern am Stra\u00dfenrand. Ich hielt kurz an, um einem der drei die Hand zu sch\u00fctteln, dann erkl\u00e4rte ich ihnen mit meinem rudiment\u00e4ren T\u00fcrkisch, woher ich komme und wohin ich fahre. Ungl\u00e4ubig musterten uns die drei, doch im n\u00e4chsten Augenblick k\u00fcmmerte sich der \u00e4lteste der drei darum, dass unsere Wasserflaschen wieder randvoll waren. Ich \u00fcberredete ihm danach noch kurz zu einen Versuch, mein Rad hochzuheben. Nachdem er kl\u00e4glich gescheitert war, den Hinterreifen auch nur einen Zentimeter vom Boden zu heben, mussten die anderen nat\u00fcrlich auch noch ran&#8230; Kopfsch\u00fcttelnd winkten sie uns hinterher. Dann gings aber endlich den gro\u00dfen Anstieg entgegen. 700 H\u00f6henmeter am St\u00fcck lagen vor uns. Das Temperatur sank konstant. Der Schwei\u00df floss daf\u00fcr in Str\u00f6men. Der Tacho zeigte \u00fcber lange Strecken 10% Steigung. Langsam schraubten wir uns in die H\u00f6he. Eine dicke, wei\u00dfe Atemwolke vor uns kamen wir langsam in eine schneebedeckte Landschaft. Die LKWs hupten uns aufmunternd zu und dann war es endlich geschafft. Wir waren auf knapp \u00fcber 950m angekommen. Das Thermometer war auf Null Grad gefallen, ein paar Schneeflocken sammelten sich auf der Lenkertasche. Die letzten 5km bis zum Gipfel begleitete uns treuherzig ein Hund am Stra\u00dfenrand. \u00dcbrigens der erste Hund neben meinem Rad, der mich nicht wild kl\u00e4ffend verfolgte. Doch oben angekommen wurden die G\u00e4nge wieder hochgeschalten und er konnte nicht mehr folgen. Die erste Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr Martin mit seinem Reise-Rennrad in der Bergwertung war gemeistert. Alles problemlos \u00fcberstanden. Nur bei den Abfahrten muss er leider etwas zur\u00fcckstecken, da das Rad bei h\u00f6heren Geschwindigkeiten sehr instabil wird. Da bin ich immer wieder heilfroh \u00fcber mein Stahlross. Es gibt zwar auch bestimmte Geschwindigkeiten, wo es zum Schwingen anf\u00e4ngt, doch das l\u00e4sst sich sehr schnell durch \u00c4nderung der Trittfrequenz \u00e4ndern. Und was gibt es sch\u00f6neres, als nach einem qu\u00e4lend langen Anstieg mit \u00fcber 50 Sachen den Berg hinab zu rollen&#8230; Die letzten 15 Kilometer bis nach Bolu gings dann konstant bergab. Bei nur Null Grad und einem v\u00f6llig \u00fcberhitzten K\u00f6rper war die Abfahrt dementsprechend frostig. Nach etwas l\u00e4ngerer Suche stie\u00dfen wir dann schlussendlich in Bolu auf das Stadtzentrum und checkten im erstbesten Hotel ein, um uns erst mal eine warme Dusche zu g\u00f6nnen. Ein weiterer herzerw\u00e4rmender Tag geht zu Ende. Wenn ich Leuten von meiner Tour erz\u00e4hle werde ich immer wieder gefragt, warum ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und nicht z.B. mit dem Auto&#8230; Der heutig Tag hat mir wieder gezeigt, wie richtig die Entscheidung war, das Rad zu w\u00e4hlen. Wo sonst ist so ein direkter Kontakt mit den Leuten am Stra\u00dfenrand m\u00f6glich? Manchmal nur ein fl\u00fcchtiges Hallo, manchmal nur ein paar Worte durch das offene Autofenster, aber manchmal eben auch so unglaublich offenherzige Begegnungen wie heute in Beylice.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 26 Derince &#8211; Hendek: 80km; 3:24h im Sattel; 6 Grad, bew\u00f6lkt Hotel Mit einem unbeschreiblichen Gef\u00fchl der Dankbarkeit starteten wir heute zur n\u00e4chsten Etappe. Zum Fr\u00fchst\u00fcck bekochte uns der Vater von Kurtulus noch mit einem k\u00f6stlichen Familiengericht aus Tomaten, Kr\u00e4utern, K\u00e4se und Ei. 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