{"id":959,"date":"2014-03-31T18:58:00","date_gmt":"2014-03-31T17:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/abicyclediary.com\/?p=959"},"modified":"2014-03-31T18:58:00","modified_gmt":"2014-03-31T17:58:00","slug":"tag-5859-lachle-und-sei-froh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/abicyclediary.com\/?p=959","title":{"rendered":"Tag 58\/59: L\u00e4chle und sei froh&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;denn es k\u00f6nnte schlimmer kommen. Und ich l\u00e4chelte und war froh und es kam schlimmer. -&gt; zumindest f\u00fcr den Anfang<\/p>\n<h2>Tag 58 &#8211; 30.M\u00e4rz<\/h2>\n<p>Sisian &#8211; Goris: 42km; 3:11h im Sattel; -5 &#8211; 0 Grad, Schneesturm<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Als ich heute Morgen aus dem Fenster blickte, fing es gerade an leicht zu regnen. Ich dachte mir, nicht schon wieder Regen&#8230; Na ja, erst mal in den Ort, die Essenvorr\u00e4te aufstocken und eine Kleinigkeit fr\u00fchst\u00fccken. Als ich gerade einen Shawarma verdr\u00fcckte, fing es an in dicken Flocken zu schneien. Binnen weniger Minuten war die ganze Umgebung wei\u00df. Ok, jetzt also Schnee&#8230; Alles sch\u00f6n und gut, doch dann kam wie aus dem Nichts pl\u00f6tzlich auch noch Wind auf. Egal, erst mal wieder zur\u00fcck zur Hauptstra\u00dfe. Die 7km waren dann aber bereits ein harter Kampf. Einerseits musste ich aufpassen, dass mich der starke Ostwind nicht vom Rad fegte und andererseits musste ich versuchen, die Stra\u00dfe zu finden. Es handelte sich um eine unbefestigte Stra\u00dfe mit &#8211; wie soll es auch anders sein &#8211; unz\u00e4hligen Schlagl\u00f6chern. Im Schneckentempo ging es bergauf. Der Schnee setzte sich an den Schutzblechen fest und erschwerte zus\u00e4tzlich das Vorankommen. Ich passierte eine der Hauptattraktionen von Sisian, so etwas \u00e4hnliches wie Stonehenge, aber daf\u00fcr hatte ich in diesem Moment wei\u00df Gott keine Augen. Auf der Hauptstra\u00dfe angekommen suchte ich erst mal kurz Unterschlupf um mich vor dem Wind zu sch\u00fctzen. Zu meinem Gl\u00fcck befand sich genau an der Kreuzung ein kleiner Laden mit Gastraum. Erst mal wurde ich ziemlich verdutzt angeschaut, als ich total vereist in die Gaststube stolperte, doch dann bot man mir gleich einen Platz an und ich machte es mir gem\u00fctlich. Drau\u00dfen tobte der Schneesturm mit ungehinderter Gewalt. Ich hatte immer wieder Sorge, dass das Dach der kleinen H\u00fctte bald weggerissen wird. Ich g\u00f6nnte mir ein kurzes Nickerchen und sp\u00e4ter noch ein vorz\u00fcgliches Mittagessen&#8230; Die Zeit verging und die Lage wurde nicht wirklich besser. Der Schneefall hatte zwar nachgelassen, doch der Wind tobte weiterhin. Meine Strecke nach Goris verlief schnurgerade nach Osten, eben genau der Richtung aus welcher der Wind kam. Also noch ein wenig abwarten&#8230; Gegen 14 Uhr startete ich dann. Anfangs kam ich noch ganz gut voran. Der Wind hielt sich in Grenzen und stellenweise k\u00e4mpfte sich die Sonne auch kurz durch. Doch immer wieder kam der Schneesturm zur\u00fcck. Die Stra\u00dfenverh\u00e4ltnisse waren alles andere als optimal. Mein einziges Gl\u00fcck war, dass der Schnee noch recht trocken war, sodass die Gangschaltung nicht einfror. Trotzdem musste ich immer wieder halten, um das angesammelte Eis von den Schutzblechen zu klopfen, da ich sonst gar nicht mehr vorangekommen w\u00e4re. Es ging bis auf 2200m hinauf. Was mich wirklich angetrieben hat, wei\u00df ich selbst nicht. Es war grenzwertig, doch offenbar gab es noch einen Funken Hoffnung. Kurz bevor ich den h\u00f6chsten Punkt erreicht hatte, bot mir ein freundlicher Autofahrer eine Mitfahrgelegenheit bis nach Goris an. Ich lehnte aber ab, da es nur noch gut 1 1\/2h Fahrt waren.<br \/>\nAnfangs freute ich mich, dass es endlich bergab ging, doch bald stellte sich heraus, dass das Bergabfahren um keinen Deut besser ist. Aufgrund der Schnee- \/ Eisfahrbahn konnte ich nur im Schneckentempo fahren. St\u00e4ndig musste man den Schlagl\u00f6chern ausweichen. Die Fingern wurden ziemlich kalt und es war gar nicht mehr so einfach, das Rad gerade zu halten.<br \/>\nDurchgefroren und ziemlich erledigt kam ich dann in Goris an. Nun war es auch mit meiner Gangschaltung geschehen. Ich konnte nur noch auf den vorderen drei Kr\u00e4nzen schalten, die Kassette war total eingefroren. Zu meinem Gl\u00fcck fand ich gleich ein sehr nettes Hotel. Die Besitzer nahmen mich \u00fcberaus freundlich auf. Zu Beginn bekam ich gleich mal den Chefsessel vor dem Heizstrahler und dann durfte ich mein Zimmer beziehen. Abends wurde ich sogar noch zum Essen eingeladen. Die ganze Familie war versammelt, weil der Schwiegersohn Fisch gefangen hatte. Wie so oft floss Vodka in Str\u00f6men. Ich komme damit jetzt aber schon ganz gut klar. Mein pers\u00f6nlicher Trick ist es, bei jeder Runde das Glas nur halb auszutrinken, dann kommt man noch halbwegs n\u00fcchtern aus der Sache raus&#8230;<br \/>\nDer Wintereinbruch hat die Leute hier im Ort auch total unerwartet getroffen. Im ganzen Haus war es ziemlich k\u00fchl. Trotz Heizk\u00f6rper stieg die Temperatur im Zimmer nicht \u00fcber 12 Grad. Aber egal&#8230; erst mal erholen von den heutigen Strapazen. F\u00fcr morgen ist wieder Schneefall angesagt. Na Bravo!<br \/>\nEigentlich wollte ich ja noch eine Top-Sehensw\u00fcrdigkeit mitnehmen. In Tatev steht ein sehr sehenswertes Kloster und ausserdem gibt es &#8211; laut Internet &#8211; die l\u00e4ngste Seilbahn weltweit&#8230; Auf meiner Karte ist die Fortf\u00fchrung der Stra\u00dfe in Richtung S\u00fcden als unbefestigter Weg eingezeichnet. Trotzdem schl\u00e4gt die Routenplanung diese Strecke vor. Bei diesen Wetterbedingungen ist mir die Sache aber zu riskant und ich bleibe auf der M2. Laut Karte geht die Stra\u00dfe bis zur iranischen Grenze. Google Maps zeigt aber, dass die Strecke mehrfach in das Territorium von Azerbaijan f\u00fchrt. Ich riskiere es trotzdem. Irgendwo m\u00fcssen die iranischen LKWs ja auch herkommen. Und schlimmstenfalls stehe ich eben vor einem Grenzsoldaten, der mich hoffentlich weiterfahren l\u00e4sst.<\/p>\n<h2>Tag 59 &#8211; 31.M\u00e4rz<\/h2>\n<p>Giris &#8211; Kajaran: 95km; 6:30h im Sattel; -5 &#8211; 9 Grad, sonnig<br \/>\nHotel<\/p>\n<p>Der morgendliche Blick aus dem Fenster lie\u00df mein Herz gleich mal h\u00f6her schlagen&#8230; die Sonne spitzte durch und es schneite nicht. Ha, vielleicht habe ich ja doch noch Gl\u00fcck. Erst mal die Packtasche ein wenig erleichtern und gro\u00dfz\u00fcgiges Fr\u00fchst\u00fcck im Zimmer. Als ich meine Sachen gepackt habe, besteht der Hotelbesitzer noch darauf, dass ich mit ihm kurz fr\u00fchst\u00fccke. Na gut, warum nicht&#8230; ich habe eh einiges vor heute. Er gibt mir noch die besten W\u00fcnsche mit auf den Weg und dann gehts los. In der Stadt wird gerade damit begonnen, die Zug\u00e4nge zu den H\u00e4usern vom Schnee zu befreien. Es hat gestern und \u00fcber Nacht ca. 30cm geschneit. Die Stra\u00dfe ist &#8211; mehr oder weniger &#8211; frei. Erst einmal geht es eine gef\u00fchlte Ewigkeit bergab. Die H\u00e4nde werden schon wieder kalt und auch so fr\u00f6stelt es mich ein wenig. Ich bin heilfroh, dass ich meine Softshell Hose in Tiflis nicht nach Hause geschickt habe. Sie leistet mir heute hervorragende Dienste.<br \/>\nImmer wieder bleibe ich stehen, diesmal aber nicht, um das Rad von Schnee zu befreien, sondern um die Winterlandschaft zu genie\u00dfen. Die Sonne beginnt gerade den Nebel zu vertreiben. Es herrscht eine atemberaubende Stille.<br \/>\nAuf 800m angekommen liegt immer noch ordentlich viel Schnee. Der Winter hat wirklich kr\u00e4ftig zur\u00fcckgeschlagen. Doch jetzt muss ich mir f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit keine Sorgen mehr \u00fcber kalte Fingern machen. Es geht jeden H\u00f6henmeter wieder bergauf, den ich zuvor runtergerollt bin. Immer wieder kommen mir Reisebusse aus dem Iran entgegen. Die Stra\u00dfe muss also frei befahrbar sein. Es ist schon eigenartig, wie sehr man sich von Erfahrungsberichten aus dem Internet beeinflussen l\u00e4sst. Obwohl ich immer wieder damit rechne, lassen sich nirgendwo Grenzsoldaten blicken. Offenbar sind die Grenzstreitigkeiten momentan beiseite gelegt.<br \/>\nObwohl der Schwei\u00df in Str\u00f6men flie\u00dft, radle ich in einer Gl\u00fcckseligkeit durch die pr\u00e4chtige Winterlandschaft. Gestern noch so unsagbar hart, zeigt sich der Winter heute von der besten Seite.<br \/>\nSeit ich damals mit Martin den &#8220;Umweg&#8221; \u00fcber Armenien gemacht habe, gr\u00fcble ich dar\u00fcber nach, wie eigentlich hier mit dem Winterr\u00e4umdienst umgegangen wird. R\u00e4umger\u00e4te wie ich sie aus Deutschland kenne, habe ich noch nicht gesichtet. Doch dann kl\u00e4rt sich langsam alles auf. Erstens verwenden alle Leute hier noch Ketten f\u00fcr die Fahrzeuge und zweitens wird praktisch alles zum Schneer\u00e4umen verwendet, was eine Art Schaufel hat. So kann zumindest ein kleiner Korridor freiger\u00e4umt werden. F\u00fcr mich aber erstaunlich, wie gut die Leute mit den Konditionen zurecht kommen. Gibt es in Deutschland bei unerwartetem Wintereinbruch stets Chaos und unz\u00e4hlige Unf\u00e4lle, werden hier einfach die Ketten aufgezogen und v.a. langsam gefahren.<br \/>\nJe nach Sonnenstand springen die Temperaturen von deutlich unter Null auf gut \u00fcber Null. Durch den Schneematsch auf der Stra\u00dfe vereist meine Kassette immer wieder. Auch das Schaltseil r\u00fchrt sich irgendwann gar nicht mehr. Doch das ist alles binnen k\u00fcrzester Zeit wieder behoben. Ich erinnere mich gut an den Reisebericht von Heike Pirngruber (http:\/\/www.pushbikegirl.com\/), die im Winter 2013 exakt dieselbe Strecke in Armenien geradelt ist. Als ich den Eintrag damals noch in Wien gelesen habe, h\u00e4tte ich mir im Traum nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass ich fast in dieselbe Situation gerate. F\u00fcr Heike war damals aber leider kein Weiterkommen mehr. Sie musste bis zur iranischen Grenze den Bus nehmen.<br \/>\nNach einer scheinbar nicht enden wollenden Abfahrt erreiche ich endlich Kapan. Durchgefroren und ausgehungert lasse ich mich in einem gem\u00fctlichen Restaurant nieder. Hier kann ich nochmal Kr\u00e4fte sammeln f\u00fcr den kommenden Anstieg. Ich m\u00f6chte heute zumindest noch bis Kajaran kommen. \u00dcber den Pass schaffe ich es nicht mehr, doch von Kajaran aus sind es nur noch 700 H\u00f6henmeter und dann geht es konstant bergab in Richtung iranischer Grenze. Es ist schon eigenartig, dass man die M\u00fchen des Anstiegs praktisch immer im Moment des Ankommen am h\u00f6chsten Punkt wieder vergisst. Offenbar werden da besondere Hormone ausgesch\u00fcttet, ansonsten kann ich mir nicht erkl\u00e4ren, weshalb man sich immer wieder der Herausforderung des n\u00e4chsten Anstiegs stellt.<br \/>\nDas Wetter h\u00e4lt gottseidank noch aus, sodass ich bei Sonnenschein den Anstieg in Angriff nehmen kann. Die Stra\u00dfe ist teilweise sogar schon wieder trocken. Die R\u00e4umger\u00e4te hatten hier anscheinend etwas gewissenhafter gearbeitet. Auffallend ist auch, dass jetzt pl\u00f6tzlich mehr LKW Verkehr aus dem Iran zu sehen ist. Es wirkt so, als ob Kapan ein zentraler Anlaufpunkt f\u00fcr Fracht aus dem Iran ist. Zumindest war der Ort erstaunlich stark belebt. Bez\u00fcglich meiner Unterkunft heute Abend zerbreche ich mir w\u00e4hrend des schwei\u00dftreibenden Anstieges immer wieder den Kopf. Laut Internet handelt es sich bei Kajaran um eine &#8211; wie so oft &#8211; ehemalige Mienenstadt. Der Abbau hat aber schon vor geraumer Zeit ein Ende gefunden und so leben hier nur noch gut 8000 Menschen. Die Chance auf ein Hotel ist also relativ gering.<br \/>\nDie Freude ist daf\u00fcr umso gr\u00f6\u00dfer, als ich direkt an der M2 ein gro\u00dfes Hotel erblicke. F\u00fcr heute ist es mir praktisch egal, was das Zimmer kostet. An Zelten ist heute nicht zu denken, die Temperaturen sind schon deutlich unter Null gefallen und ich bin bis auf die Haut nassgeschwitzt. Heute scheint aber mein Gl\u00fcckstag zu sein. Das Zimmer ist auf 28 Grad aufgeheizt und es gibt reichlich hei\u00dfes Wasser.<br \/>\nEs sind nur noch 50km bis zur iranischen Grenze. Ich hoffe im Iran dann auch dem Winter zu entkommen.<br \/>\nIch bin gespannt, was mich in den kommenden Wochen erwartet. Armenien hat mich schwer begeistert. Die Herzlichkeit der Leute, die aber keinesfalls aufdringlich sind. Auch wenn mir das ewige Auf und Ab jetzt schon ein wenig auf den Geist geht, hat mich die Naturkulisse in Armenien st\u00e4ndig zum Staunen gebracht. Auf den versp\u00e4teten Wintereinbruch h\u00e4tte ich durchaus verzichten k\u00f6nnen, aber alles \u00dcbel hat auch seine guten Seiten. Immerhin konnte ich so noch ein wenig Winter Wonderland genie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;denn es k\u00f6nnte schlimmer kommen. Und ich l\u00e4chelte und war froh und es kam schlimmer. -&gt; zumindest f\u00fcr den Anfang Tag 58 &#8211; 30.M\u00e4rz Sisian &#8211; Goris: 42km; 3:11h im Sattel; -5 &#8211; 0 Grad, Schneesturm Hotel Als ich heute Morgen aus dem Fenster blickte, fing es gerade an leicht zu regnen. 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